WM KolumneBallflachstreicher | 15 Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Sieben Antworten

Über jedem Favoriten, der auf einen vermeintlich kleinen Gegner trifft, schwebt dieselbe Frage: Macht er es kurz und schmerzlos, oder macht er es sich selbst schwer? Deutschland hat sie gestern in Houston so unmissverständlich beantwortet, dass sie für einen Abend regelrecht albern wirkte. 7:1 gegen Curaçao.

Gleich sechs verschiedene deutsche Schützen trugen sich in die Torliste ein, dazu ein Doppelpack von Kai Havertz: Felix Nmecha eröffnete schon in der 6. Minute, es folgten Schlotterbeck, Havertz per Elfmeter kurz vor der Pause, Musiala direkt nach Wiederanpfiff, Brown und der eingewechselte Undav. Es war der erste deutsche Auftaktsieg seit dem Titeljahr 2014 und der zehnte Pflichtsieg in Folge. Wer das nervöse Zucken kennt, das deutsche Turnierauftakte seit den Vorrunden-Pleiten von 2018 und 2022 begleitet, durfte gestern einmal tief durchatmen. Genau das, woran die Schweiz tags zuvor gescheitert war – Überlegenheit auch in Tore zu verwandeln –, erledigte Deutschland mit einer Gründlichkeit, die fast schon unhöflich war.

Den schönsten Moment des Abends lieferte trotzdem der Verlierer. In der 21. Minute traf Livano Comenencia zum zwischenzeitlichen 1:1 – das allererste WM-Tor in der Geschichte der kleinsten Nation, die je bei diesem Turnier dabei war. Für ein paar Minuten stand es tatsächlich unentschieden, und man gönnte es der Karibikinsel von Herzen. Dann erinnerte sich Deutschland daran, dass es eigentlich gewinnen wollte, und der Abend nahm seinen Lauf.

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So souverän der deutsche Auftakt geriet, so sehr blieb er die Ausnahme des Tages. Denn während Deutschland zulangte, mussten ringsum fast alle anderen Großen erfahren, dass ein Turnier niemandem etwas schenkt. Brasilien kam vor über 80.000 Zuschauern im MetLife Stadium gegen ein starkes Marokko nicht über ein 1:1 hinaus; erst ein Traumtor von Vinícius Júnior rettete dem Rekordweltmeister einen Punkt, nachdem Ismael Saibari die Marokkaner in Führung gebracht hatte. Noch lehrreicher verlief der Abend der Niederlande. Zweimal gingen die Oranje gegen Japan in Führung – erst köpfte Virgil van Dijk sie nach vorn, später stellte Crysencio Summerville auf 2:1 – und zweimal holten die unermüdlichen Japaner den Rückstand auf. Keito Nakamura glich zwischenzeitlich aus, ehe Daichi Kamada in der 89. Minute das hochverdiente 2:2 erzielte. Wer Japan in den letzten Jahren verfolgt hat, wundert sich darüber längst nicht mehr: Für keine Fussballgroßmacht ist diese Mannschaft noch ein dankbarer Gegner.

Das eindrücklichste Lehrstück aber schrieb die Türkei. 30 Torschüsse, 72 Prozent Ballbesitz, zwei Halbzeiten lang ein einziges Anrennen – und am Ende eine 0:2-Niederlage gegen Australien. Wer sehen wollte, wie man eine drückende Überlegenheit restlos verpulvert, fand im türkischen Auftakt das perfekte Anschauungsmaterial. Es ist exakt jene Krankheit, an der schon die Schweiz gelitten hatte, nur in noch fortgeschritteneren Stadium. Und Schottland schlug Haiti mit 1:0, durfte sich dafür aber auch beim Schiedsrichter bedanken: Den Haitianern wurden gleich zwei vertretbar erscheinende Elfmeter verweigert – ein bitterer Auftakt für einen Außenseiter, der mehr verdient hätte.

Am Ende des ersten kompletten Gruppenspieltags steht damit eine Erkenntnis, die so alt ist wie der Fußball und trotzdem jedes Turnier aufs Neue bestätigt wird: Favorit ist nur ein Wort, Tore sind die Währung. Deutschland hat gestern in beiden Disziplinen geliefert. Die meisten anderen Großen wurden daran erinnert, dass der Name auf dem Trikot allein noch kein Spiel gewonnen hat. Es ist die beruhigendste Botschaft, die ein Fußballfan sich wünschen kann: Dieses Turnier ist offen, und es ist gnädig mit den Kleinen und streng mit den Selbstgewissen.

Für Deutschland ist das ein guter Abend zum Genießen und ein schlechter zum Abheben. Der nächste Gegner heißt Elfenbeinküste, und der hat in den vergangenen Wochen bewiesen, dass er auch Großen wehtun kann. Aber das ist eine Sorge für den 20. Juni. Gestern durfte ausnahmsweise einmal alles leicht sein.

Zum Schluss noch das

Der Mann, der die Türkei an diesem Abend in den Wahnsinn trieb, verdient eine eigene Zeile. Patrick Beach, 22 Jahre alt, australischer Torhüter, steht im Hauptberuf noch bei einem Klub in der heimischen Liga zwischen den Pfosten und bestritt gegen die Türkei erst sein drittes Länderspiel. Ausgerechnet er hielt achtmal, einige davon zum Staunen, und trotzte einem Dauerbeschuss, an dem erfahrenere Kollegen verzweifelt wären. 30 Schüsse, kein Gegentor. In ein paar Wochen hütet Beach vermutlich wieder das Tor irgendwo in Australien, vor ein paar tausend Zuschauern. Den Abend, an dem er einer ganzen Fußballnation die WM verleidete, nimmt ihm trotzdem keiner mehr.

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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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