WM KolumneBallflachstreicher | 14 Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Pflichtsieg will gelernt sein

Bevor Deutschland heute Abend in Houston ins Turnier startet, hat ihm der vergangene Spieltag schon die halbe Aufgabe vorgekaut – einmal als Vorbild, einmal als Warnung. Wer wissen will, wie ein Favorit mit einem vermeintlich kleinen Gegner umgeht, musste am Wochenende nur hinschauen. Die USA haben es vorgemacht. Die Schweiz hat gezeigt, wie man es besser bleiben lässt.

Beginnen wir, schon aus Mitgefühl, mit dem warnenden Teil. Die Schweiz traf in der Mittagshitze von Santa Clara auf Katar, auf dem Papier ein Trainingspartner und über weite Strecken auch auf dem Rasen. Breel Embolo verwandelte früh einen Elfmeter, und danach taten die Eidgenossen, was selbstbewusste Mannschaften gegen kleine Gegner so gern tun: Sie hörten auf, ernsthaft Tore zu wollen. Eine Chance nach der anderen ließen sie liegen, im wohligen Glauben, das eine Tor werde schon reichen. Es reichte bis zur 90.+4. Dann traf Boualem Khoukhi zum 1:1 und bescherte Katar den ersten WM-Punkt seiner Geschichte. Granit Xhaka und die Seinen hatten die Woche über vermutlich brav das Wort „Demut” buchstabiert. Auf dem Platz war davon nichts zu sehen – bis es zu spät war, es noch zu lernen.

Wie es anders geht, führte ausgerechnet der Gastgeber vor, dem man die Lektion am wenigsten zugetraut hätte. Die USA, sonst eher für den Anlauf als für den Abschluss bekannt, zerlegten Paraguay mit 4:1, und zwar auf eine Art, die auch Skeptiker still werden ließ: schneller, sauberer Kombinationsfußball bis vor das Tor, dazu die Wucht eines vollen, parteiischen Hauses in Los Angeles. Folarin Balogun traf zweimal schon in der ersten Halbzeit – der erste WM-Doppelpack eines US-Amerikaners seit 1930, und nie zuvor hatte die Mannschaft bei einer WM mehr als drei Tore erzielt. Das hatte nichts von Pflichterfüllung. Das war Spielfreude, mit Tempo, Technik und Herz. Die Amerikaner nahmen den Gegner ernst und sich selbst gleich mit – und wurden dafür belohnt.

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Damit zu Deutschland, das heute Abend zur Mittagszeit in Houston, bei uns um 19 Uhr, gegen Curaçao genau an dieser Weggabelung steht. Der Gegner ist die kleinste Nation, die je eine Weltmeisterschaft erreicht hat, geführt vom 78-jährigen Dick Advocaat, und er wird das tun, was kleine Mannschaften gegen große tun: tief stehen, eng verteidigen und auf den einen Konter lauern, der einen ganzen Abend kippen kann. Es ist exakt die Falle, in die die Schweiz tags zuvor mit Anlauf gesprungen ist.

Bundestrainer Nagelsmann hat die passenden Sätze vorsorglich auswendig gelernt. Curaçao sei „spannend zu analysieren”, unterschätzen werde man da niemanden. Klingt gut. Ähnliches dürfte man in Zürich auch gesagt haben. Worauf es ankommt, beginnt erst nach dem Anpfiff: ob Wirtz, Musiala, Sané und Havertz ihre Chancen früh nutzen, solange das Spiel noch jung und der Gegner noch nicht im Glauben an das eigene Wunder ist. Die bittere Lehre dieses Wochenendes hat die Schweiz bereits aufgeschrieben: Überlegenheit zählt erst, wenn sie auf der Anzeigetafel steht.

Dass ausgerechnet die deutsche Mannschaft wissen müsste, wie schnell ein laxer Auftakt zur Hypothek wird, muss man kaum betonen. 2018 und 2022 endeten beide in der Vorrunde, und beide Male war früh mehr Selbstgewissheit als Ertrag im Spiel. Ein klarer Sieg gegen Curaçao brächte heute also mehr als drei Punkte: ein wenig von jenem Vertrauen, das diesem Team seit Jahren fehlt. Ein müder 1:0-Arbeitssieg dagegen würde die alten Gespenster sofort wieder auf die Tribüne bitten.

Die Vorlage liegt damit fertig auf dem Tisch, ordentlich beschriftet. Auf der einen Seite das Lehrstück der Amerikaner, auf der anderen das Mahnmal der Schweizer. Deutschland muss sich heute Abend für eine Seite entscheiden – und dann, anders als die Eidgenossen, beim Entschluss auch bleiben. Die gute Nachricht: Schwerer als das, was Katar und Paraguay gestern gezeigt haben, wird Curaçao den Deutschen das Leben kaum machen. Die schlechte: Genau das hat die Schweiz auch gedacht.

Zum Schluss noch das

Wer an Omen glaubt, darf vor diesem Auftakt ruhig zuversichtlich sein. Der 14. Juni ist für die deutsche Nationalmannschaft ein bemerkenswert treuer Freund: In elf Spielen an diesem Datum hat sie nie verloren – achtmal gewonnen, dreimal unentschieden. Auf den 14. Juni fallen das 1:0 gegen Polen bei der WM 2006, das 5:2 gegen Italien 2022 und das 5:1 gegen Schottland zum EM-Auftakt 2024, lauter Abende, an die man sich gern erinnert. Statistik gewinnt natürlich kein einziges Spiel. Aber sie beruhigt die Nerven – und falls am Ende doch alles schiefgeht, kann man wenigstens sagen: An der Geschichte hat es nicht gelegen.

Nachrichten Vogtland
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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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