WM KolumneBallflachstreicher | 14 Juli 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Vier Riesen und die Ruhe vor zwei Stürmen.

Vier Mannschaften sind noch übrig, und die Statistiker dieses Turniers darf man ruhig ein wenig bemitleiden. Zum ersten Mal in der Geschichte der Weltmeisterschaft heißen die letzten vier exakt so, wie es die Weltrangliste vor dem Anpfiff diktiert hatte: Frankreich die Nummer eins, Argentinien die Nummer zwei, Spanien die Nummer drei, England die Nummer vier. Nach einem Monat, in dem der Fußball so ziemlich alles auf den Kopf gestellt hat, was sich auf den Kopf stellen ließ, sitzen am Ende genau die vier Giganten am Tisch, die jeder Buchmacher schon im Mai dorthin gesetzt hatte. Die Ordnung hat gesiegt, und sie hat sich dafür alle Zeit der Welt gelassen.

Man muss sich nur vor Augen führen, was alles dazwischenlag. Norwegen versenkte Brasilien, Kap Verde trieb den Weltmeister an den Rand des Wahnsinns, Deutschland flog früh und ruhmlos hinaus, die Schweiz brach ihren jahrzehntealten Fluch, und über allem brütete eine Hitze, vor der die Ärzte offen warnten. Ein Turnier wie ein Jahrmarkt der Sensationen. Und nun, an diesem einen spielfreien Tag, ist es mit einem Mal still geworden. Das Chaos hat einen Monat lang prächtig unterhalten und sich dann höflich verabschiedet, pünktlich zum Halbfinale, als wollte es sagen: Ab hier übernehmen wieder die Großen.

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Und die Großen haben sich für die kommenden beiden Nächte zwei Duelle aufgehoben, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Das erste schickt Frankreich gegen Spanien ins Rennen, den Turnierfavoriten gegen den amtierenden Europameister. Frankreich hat bisher jedes seiner sechs Spiele gewonnen, sechzehn Tore geschossen und mit Mbappé, Dembélé und Olise eine Angriffsreihe aufgeboten, die durch Abwehrreihen fährt wie eine Kreissäge durch Sperrholz. Und doch gibt es einen kleinen, unbequemen Haken: Spanien hat zuletzt die lästige Angewohnheit entwickelt, genau dann gegen Frankreich zu gewinnen, wenn es wirklich zählt. Im Halbfinale der EM 2024 hieß es 2:1 für die Iberer, im Endspiel der Nations League ein Jahr später 5:4. Der Favorit heißt Frankreich. Der Angstgegner heißt trotzdem Spanien.

Es ist obendrein ein Aufeinandertreffen zweier Generationen. Auf der einen Seite Kylian Mbappé, mit siebenundzwanzig längst gekrönt, dem Messis Rekord von einundzwanzig WM-Toren im Nacken sitzt; auf der anderen der erst achtzehnjährige Lamine Yamal, das Wunderkind, das nach einer Verletzung bei diesem Turnier noch auf seinen ganz großen Auftritt wartet. Und an der französischen Seitenlinie steht Didier Deschamps, der dieses Turnier als sein letztes angekündigt hat und nur zu gern durch die Vordertür abtreten würde – nicht durch jene, die ihm die Spanier schon zweimal vor der Nase zugeschlagen haben.

Das zweite Halbfinale braucht dagegen überhaupt keine Aufbereitung, es schleppt seine Gespenster ganz von allein auf den Rasen. Argentinien gegen England ist die schwerste Hypothek, die der Weltfußball zu vergeben hat. Hier, 1986 in Mexiko, schlug Diego Maradona binnen vier Minuten zweimal zu, erst mit der „Hand Gottes”, dann mit dem schönsten Tor, das je bei einer Weltmeisterschaft fiel, beide gegen England, ehe er die Albiceleste zum Titel führte. Zwölf Jahre später flog David Beckham vom Platz, weil er im Liegen mit dem Fuß nach Diego Simeone trat, und England schied einmal mehr aus. Diese beiden Nationen können sich nicht begegnen, ohne dass die Geschichte heimlich mit auf dem Platz steht.

Diesmal kommt ein Name hinzu, der in dieser Rivalität bislang fehlte: Lionel Messi trifft zum allerersten Mal in seiner Laufbahn auf England – mit neununddreißig Jahren, in einem Turnier, das aller Voraussicht nach sein letztes ist, als Rekordtorschütze der WM-Geschichte. Ihm gegenüber steht eine englische Mannschaft, die seit 1966 auf ihren zweiten großen Titel wartet und in Jude Bellingham und Harry Kane endlich wieder glaubt, die uralte Rechnung begleichen zu können. Der eine jagt das perfekte Ende seiner Geschichte, die anderen jagen ein sechzig Jahre altes Gespenst.

Was auf dem Spiel steht, ist dabei weit mehr als nur ein Finalticket. Argentinien könnte als erste Mannschaft seit Brasilien 1962 seinen Titel verteidigen. Spanien könnte beweisen, dass seine europäische Vorherrschaft auch auf der Weltbühne trägt. Frankreich könnte seinem scheidenden Baumeister den perfekten Abgang schenken. Und England könnte, nun ja, endlich aufhören zu leiden. Am Sonntag steigt in New Jersey das Finale, doch heute ruht der Ball, und die schönste Beschäftigung, die dem neutralen Zuschauer bleibt, ist die allerälteste des Fußballs: sich in aller Ruhe auszumalen, was da kommen mag. Noch zwei Tage. Dann besorgen wieder die Beine, was heute allein der Fantasie überlassen bleibt.

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Zum Schluss noch das

Wer wissen will, wie sich sechs Jahrzehnte Sehnsucht anhören, muss nur die inoffizielle englische Fußballhymne auflegen. 1996, zur Heim-Europameisterschaft, schrieben die beiden Komiker David Baddiel und Frank Skinner gemeinsam mit der Band Lightning Seeds ein Lied namens „Three Lions”, dessen Refrain „It’s coming home” seither über jedem englischen Turnier schwebt. Die eigentlich entscheidende Zeile aber war eine andere: „Thirty years of hurt” – dreißig Jahre Schmerz, gerechnet vom Titel 1966 bis zu jenem Sommer 1996. Der Komponist Ian Broudie sagte später, das Lied handle gar nicht vom Gewinnen, sondern davon, Fußballfan zu sein, „was zu neunzig Prozent aus Verlieren besteht”. Er ahnte nicht, wie recht er behalten sollte. Denn inzwischen schreiben wir das Jahr 2026, und aus den dreißig Jahren sind, fast unbemerkt, sechzig geworden. Die Engländer singen die Zeile bis heute unverändert – womöglich schlicht deshalb, weil sich „sechzig Jahre Schmerz” einfach zu schwer über die Lippen bringen lässt.

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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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