Bis tief in die europäische Nacht roch dieses letzte Viertelfinale nach einer Sensation. Die Schweiz, die wenige Tage zuvor endlich ihren Achtelfinal-Fluch abgeschüttelt hatte, stand in Kansas City beim 1:1 gleichauf mit dem Weltmeister. Dan Ndoye hatte in der 67. Minute ausgeglichen, und für einen langen Moment schien in dieser Partie tatsächlich alles möglich. Dann kam die 72. Minute, und mit ihr der Knick, den sich die Schweizer selbst zufügten: Breel Embolo ließ sich auf der Suche nach einem Freistoß allzu leicht fallen, der Schiedsrichter erkannte eine Schwalbe und zeigte Gelb-Rot. Von da an musste die Nati den Rest der regulären Zeit und die gesamte Verlängerung mit zehn Mann bestreiten. Gegen dieses Argentinien ist das ungefähr so aussichtsreich, wie eine Tür gegen die anrollende Flut zuzuhalten.
Und doch hielten sie lange stand, erstaunlich lange. Zu zehnt, in die Verlängerung hinein, über die 100. Minute hinaus warfen sich die Schweizer in jeden Schuss und jeden Passweg. Aber genau dort ist diese argentinische Mannschaft am gefährlichsten: Sie rennt nicht blind gegen die Tür an, sie wartet, bis das Holz nachgibt. Julián Álvarez traf in der 112. Minute, Lautaro Martínez in der 121., und aus dem zähen 1:1 wurde ein 3:1, das auf dem Papier deutlich komfortabler aussieht, als es hundertzehn Minuten lang gewesen war. Messis Handschrift lag ohnehin über dem ganzen Abend, seine Flanke hatte schon in der 10. Minute den Kopfball von Alexis Mac Allister eingeleitet. Die entscheidende Qualität aber war Geduld – die Gewissheit des Champions, dass ein müder, dezimierter Gegner irgendwann bricht, wenn man nur lange genug klopft.
Das wird langsam zur Signatur dieser argentinischen Titelverteidigung. Gegen Kap Verde brauchte es die Verlängerung und einen Kopfball in letzter Sekunde, gegen Ägypten drehten sie einen 0:2-Rückstand, nun zermürbten sie zehn Schweizer über die volle Distanz. Schön war das zu selten, bequem noch seltener, aber es hört einfach nicht auf. Eine Elf, die das Verlieren offenbar verlernt hat und sich mit Willen mindestens so weit trägt wie mit Talent. In vier Tagen wartet in Atlanta England – die beiden Ausdauersportler dieses Turniers, beide auf ihre Art unfähig, nach Hause zu fahren.
Der eigentliche Applaus dieses Abends aber gehört den Verlierern, denn sie haben ihn sich verdient. Zwanzig Jahre lang war die Schweiz der ewige Gast in der Runde der letzten sechzehn, stets eingeladen und nie durchgelassen. In diesem Sommer hat sie diese Tür endlich aufgestoßen, Kolumbien im Elfmeterschießen bezwungen und danach den amtierenden Weltmeister bis in die 121. Minute gefordert – mit einem Mann weniger auf dem Platz. Das ist nicht die Geschichte einer Mannschaft, die gescheitert ist. Das ist die Geschichte einer Mannschaft, die weiter kam als je zuvor und erst am Champion fiel, und auch das erst, als die nackte Zahl auf dem Platz gegen sie stand. Granit Xhaka und die Seinen verlassen dieses Turnier so, wie sie es bestritten haben: unaufgeregt, ohne Getöse, aber mit einer Widerstandskraft, die einen Giganten zwei Stunden lang schwitzen ließ. Einen besseren Sommer wird der Schweizer Fußball so schnell nicht wieder erleben.
Bleibt die Frage, ob Argentinien diese Art zu gewinnen bis zum Ende durchhält. Denn irgendwann trifft auch der geduldigste Champion auf einen Gegner, der nicht bricht – und in Atlanta steht mit England ausgerechnet ein Team, das gerade selbst bewiesen hat, dass es hundertzwanzig Minuten lang an sich glauben kann. Das Halbfinale verspricht kein Fest für Ästheten. Es verspricht ein Ringen zwischen zwei Mannschaften, die beide dasselbe können: durchhalten, bis der andere zuerst blinzelt.
Zum Schluss noch das
Ein Trost bleibt den Schweizern, und er ist von einer feinen Ironie durchzogen. Kaum ein Land der Welt steht dem Fußball organisatorisch näher: Seit 1932 residiert die FIFA in der Schweiz, hoch oben auf dem Zürichberg regiert der Weltverband von Schweizer Boden aus über den gesamten Planetenfußball, vergibt Turniere, verwaltet Milliarden und schreibt die Regeln, nach denen auch heute Nacht gepfiffen wurde. Nur eine einzige Tür hat sich der Gastgebernation dieses mächtigen Apparats bis heute nie geöffnet: die zum Halbfinale. Viermal stand die Schweiz nun im Viertelfinale einer Weltmeisterschaft – 1934, 1938, 1954 und jetzt 2026 – und viermal war an genau dieser Stelle Endstation. Das Land, in dem die Weltmeisterschaft geplant, ausgelost und verwaltet wird, ist selbst noch nie unter die besten vier gekommen. Man beherrscht eben doch etwas ganz anderes, als man es gewinnt. Und vielleicht ist gerade das die schweizerischste Pointe, die dieses Turnier zu bieten hat.
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
Ballflachstreicher | 13 Juli 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Zehn Uhrwerke gegen die Flut.
