Spanien steht im Halbfinale, und man kann trefflich darüber streiten, ob es das dem eigenen Zauber verdankt oder einem fremden Patzer. Denn was die Spanier gestern in Inglewood gegen Belgien aufführten, war fast neunzig Minuten lang genau jene Vorstellung, für die man sie liebt und fürchtet: ein endloser Reigen aus Kurzpässen, Verlagerungen, Dreiecken und Ballstafetten, ein Fußball wie ein Zauberspruch, der immer weiter gemurmelt wird. Nur fehlte diesem Spruch bis kurz vor Schluss das entscheidende Wort. Ergo: Viel Simsala, wenig Bim.
Dabei hatte alles nach Drehbuch begonnen. Fabián Ruiz brachte Spanien in der 30. Minute in Führung, verdient, folgerichtig, ein Tor wie aus dem Lehrbuch der roten Ballkünstler. Doch noch vor der Pause schlug Belgien zurück, ausgerechnet durch Charles De Ketelaere, jenen Mann, der schon gegen die USA im Achtelfinale doppelt getroffen hatte. Und danach begann das eigentliche Spanien-Problem dieses Turniers, das sich durch die ganze K.-o.-Runde zieht: Sie zaubern und zaubern, sie halten den Ball, als gehöre er ihnen persönlich, sie kombinieren sich in Strafräume hinein, aus denen andere Mannschaften längst zwei Tore gemacht hätten – und dann bleibt der letzte, kalte Nadelstich einfach aus. Eine junge, hochbegabte Elf, die alles kann, außer das Naheliegendste: den Sack zumachen.
Der Moment, der ihn dann doch zumachte, hatte mit Zauberei allerdings nichts zu tun. Er hatte mit Unglück zu tun, und zwar gleich mit einem doppelten. Belgien hatte sein Viertelfinale schon ohne Kapitän Youri Tielemans beginnen müssen, den ein Zwacken im Aufwärmen aus dem Spiel warf. In der zweiten Halbzeit dann verletzte sich auch noch Thibaut Courtois, einer der besten Torhüter der Welt, und musste vom Feld. Für ihn kam Senne Lammens, ganze 24 Jahre alt, drei Tage zuvor erst Geburtstag, ein Nationalspieler von kaum einem halben Jahr Erfahrung – hineingeworfen in ein WM-Viertelfinale, das Karrieren definiert. In der 88. Minute wehrte er einen Schuss von Pau Cubarsí noch ab, doch der Ball rutschte ihm aus den Händen, sprang genau vor die Füße von Mikel Merino, und der schob aus kürzester Distanz ein. Kein Bim also, nur ein dumpfes Stöhnen aus dem belgischen Tor. Spaniens großer Zauberabend wurde entschieden von einem Ball, der einem 24-Jährigen durch die Finger glitt. Unverdient war der Sieg dennoch nicht.
Am kommenden Dienstag wartet im Halbfinale Frankreich, jene kühle Effizienzmaschine, die tags zuvor Marokko abgefertigt hat, ohne ins Schwitzen zu geraten. Es trifft der schönste Fußball des Turniers auf den erfolgreichsten – der durchaus auch zauberhaft sein kann. Ich freu mich!
Der eigentliche Nachruf des Abends aber gehört den Verlierern, und er reicht weit über dieses eine Spiel hinaus. Denn mit dieser Niederlage schließt sich aller Wahrscheinlichkeit nach das Buch über die belgische goldene Generation – über jene Ansammlung von Ausnahmekönnern, die den kleinen Fußballzwerg an die Spitze der Welt trug und ihn dort seltsam heimatlos zurückließ. Belgien war von September 2018 bis in den Frühling 2022 tatsächlich die Nummer eins der FIFA-Weltrangliste, jahrelang, ununterbrochen, ein Rang, den in dieser Länge nur Brasilien und Spanien je gehalten haben. Diese Spieler holten 2018 den dritten Platz bei der WM, das beste Ergebnis der belgischen Geschichte. Auf dem Papier waren sie gut genug, um alles zu gewinnen.
Gewonnen haben sie: nichts. Keine Weltmeisterschaft, keine Europameisterschaft, nicht einen einzigen großen Titel. Die begabteste Mannschaft, die dieses Land je hatte, verlässt die große Bühne mit vollkommen leeren Händen – und tut es auf eine Weise, die grausamer kaum zum Rest passen könnte: Kapitän vor dem Anpfiff verletzt, Weltklassetorwart mittendrin vom Feld, und das letzte Wort spricht der Fehler eines Ersatzmanns. Es ist der bittere Schlussakkord einer Generation, die immer knapp scheiterte und nie verstand, warum. Aus Gold wird nun Erinnerung, und Belgien muss sich neu erfinden, diesmal ohne die Namen, mit denen es einst die Welt anführte.
Zum Schluss noch das
Der Mann, der Belgiens goldene Generation gestern endgültig nach Hause schickte, trägt selbst eine der schönsten Familiengeschichten des europäischen Fußballs mit sich herum. Mikel Merino, auch diesmal der eingewechselte Vollstrecker, köpfte bei der EM 2024 in der Verlängerung Spanien gegen Deutschland ins Halbfinale – im Stadion von Stuttgart. Statt danach einfach zu jubeln, rannte er zur Eckfahne und umtanzte sie auf eine ganz bestimmte, altmodische Art. Denn genau dort, im selben Stuttgarter Stadion, hatte 33 Jahre zuvor sein Vater Ángel Merino getroffen, damals im UEFA-Cup für Osasuna gegen den VfB Stuttgart, und exakt so um die Eckfahne getanzt. Der Sohn kopierte die Geste des Vaters auf den Zentimeter genau, ein Drittel Jahrhundert später, am selben Fleck Erde. Manche Spieler erben von ihren Vätern die Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. Mikel Merino hat sicherheitshalber gleich noch den passenden Jubel dazu geerbt.
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
Ballflachstreicher | 11 Juli 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Viel Simsala, wenig Bim.
