WM KolumneBallflachstreicher | 09 Juli 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Was die letzten Acht im Keller haben.

Gestern rollte kein Ball. Zum ersten Mal seit dem Anpfiff dieses Turniers verging ein ganzer Tag ohne ein einziges Spiel, der letzte Atemzug vor den Viertelfinals. Acht Mannschaften sind übrig, acht von zweiunddreißig, und während sie sich massieren lassen, Videos studieren und so tun, als wären sie die Ruhe selbst, lohnt der Blick dorthin, wohin an solchen Tagen keiner schaut: in ihre Vergangenheit. Jede dieser acht Nationen schleppt nämlich eine herrlich absurde Fußnote mit sich herum, und ein spielfreier Tag ist der ideale Moment, um einmal reihum die Kellertüren zu öffnen.

Fangen wir bei der Schweiz an, die gerade erst ihren Achtelfinal-Fluch gebrochen hat und deshalb glaubt, das Schlimmste hinter sich zu haben. Weit gefehlt. Ihr eigentliches Trauma ist älter und deutlich wärmer. Am 26. Juni 1954, bei der eigenen Heim-WM, führte die Nati im Viertelfinale gegen Österreich schon mit 3:0 – und verlor am Ende 5:7. Zwölf Tore in einem einzigen Spiel, bis heute der torreichste Nachmittag, den eine Weltmeisterschaft je gesehen hat, ausgetragen bei sagenhaften 40 Grad in Lausanne. „Hitzeschlacht von Lausanne” heißt das bis heute, und man darf annehmen, dass die Schweizer die Sache längst verdrängt hätten, wäre sie nicht so grandios unfassbar. Wer als Gastgeber eine 3:0-Führung in ein 5:7 verwandelt, für den ist das Elfmeterschießen gegen Kolumbien vermutlich die mildeste Nervenprobe der Vereinsgeschichte gewesen.

Passenderweise wartet im Viertelfinale ausgerechnet jene Mannschaft auf die Schweiz, die einst auf ganz ähnliche Weise mit einem Ball haderte – nur eben mit einem echten. Argentinien stand 1930 im allerersten WM-Finale der Geschichte, gegen Uruguay, und weil sich beide Lager partout nicht auf einen Spielball einigen konnten, verfiel die FIFA auf einen Kompromiss, den heute kein Mensch mehr glauben würde: Man spielte mit zwei verschiedenen Bällen. Erste Halbzeit der argentinische, zweite Halbzeit der uruguayische. Mit dem eigenen, kleineren Ball führte Argentinien zur Pause 2:1; nach dem Wechsel, mit dem größeren Leder der Gastgeber, verlor es 2:4. Es blieb das einzige WM-Finale, das mit zwei Bällen ausgetragen wurde – ein Beweis dafür, dass dieser Sport schon vor fast hundert Jahren wusste, wie man aus einer simplen Frage ein Drama macht.

Werbung

Immerhin war Argentinien überhaupt erschienen. England, das sich damals für den Erfinder und alleinigen Sachwalter des Fußballs hielt, ließ die ersten drei Weltmeisterschaften schlicht sausen. 1930 zu weit, zu teuer, zu ungehörig; 1934 in Italien höflich abgesagt, ein Verbandsmann nannte das ganze Turnier rundheraus „einen Witz”; 1938 wieder nichts. Siebzehn Jahre selbstgewähltes Exil, weil man die eigene britische Meisterschaft ohnehin für die wahre Weltmeisterschaft hielt. Erst 1950 ließ England sich herab, mitzuspielen – und verlor prompt gegen die Vereinigten Staaten, eine Blamage, deren Nachhall diese Three Lions bis heute nicht ganz los sind. Manchmal rächt sich Hochmut schneller, als einem lieb ist.

Am anderen Ende dieser Eitelkeit steht Norwegen, ein Land ganz ohne Fußballadel – und gerade deshalb der schönste Beweis, dass man keinen braucht. Mitte der neunziger Jahre stand Norwegen tatsächlich einmal auf Platz zwei der Weltrangliste, direkt hinter Brasilien und vor allem, was Rang und Namen hatte. Verantwortlich war ein bekennender Marxist und wandelndes Geografie-Lexikon namens Egil „Drillo” Olsen, der seine Mannschaft nach den Zahlentabellen eines englischen Statistikers ausrichtete und den Ball so konsequent lang und stur nach vorn dreschen ließ, dass halb Europa die Nase rümpfte und trotzdem verlor. Es war der hässlichste schöne Fußball, den man sich vorstellen kann, und er trug ein Fußballzwergland an die Weltspitze. Haaland und Kollegen stehen heute in einer Tradition, die beweist: Eleganz wird überschätzt, Ergebnisse nicht.

Vom universell verständlichen langen Ball ist es nur ein kurzer Weg zu einer Mannschaft, die ein ganz handfestes Verständigungsproblem hatte: Belgien. Das Land zerfällt bekanntlich in einen flämischen Norden und einen französischen Süden, und diese Spaltung reichte über Jahre bis in die Kabine der Nationalmannschaft, wo die einen Niederländisch und die anderen Französisch sprachen und keiner die Sprache des anderen benutzen wollte. Gelöst wurde das Problem auf die eleganteste denkbare Weise: Man einigte sich auf Englisch. Ausgerechnet die Fremdsprache wurde zum neutralen Boden, auf dem sich Flamen und Wallonen endlich als eine Elf fühlen konnten – verordnet von einem katalanischen Trainer, der weder das eine noch das andere richtig sprach. Selten hat ein Kompromiss so gut funktioniert.

Wie es andersherum aussieht, wenn eine Kabine explodiert statt zusammenzufinden, führte der Nachbar Frankreich 2010 der ganzen Welt vor. Bei der WM in Südafrika warf Trainer Raymond Domenech den Stürmer Nicolas Anelka nach einer Kabinen-Beleidigung aus dem Kader – woraufhin die übrige Mannschaft aus Solidarität kurzerhand das Training bestreikte. Die Spieler stiegen vor laufenden Kameras in den Mannschaftsbus, zogen die Vorhänge zu und blieben sitzen. Der Trainerstab musste im Auto zum Hotel zurückfahren, den Bus hatten die Meuterer beschlagnahmt. Es war die vielleicht spektakulärste Selbstzerstörung, die eine Turniermannschaft je hinbekommen hat, und sie endete, wie sie enden musste: sang- und klanglos in der Vorrunde. Wenn die aktuellen Franzosen um Mbappé heute etwas eint, dann vermutlich die Entschlossenheit, nie wieder auch nur in die Nähe eines solchen Busses zu geraten.

Womit wir bei jenem Kontinent wären, auf dem Frankreich damals unterging – und bei Marokko, das den Europäern schon vor Jahrzehnten vorführte, wie das geht. 1986 in Mexiko wurde Marokko als erste afrikanische Mannschaft überhaupt Gruppensieger bei einer WM, und zwar nicht in irgendeiner Gruppe, sondern vor England, Portugal und Polen. Zwei torlose Remis gegen England und Polen, ein 3:1 gegen Portugal, und plötzlich stand ein afrikanisches Team dort ganz oben, wo man es dem Weltfußball zufolge nicht vermutete. Erst Deutschland stoppte die Marokkaner im Achtelfinale, und auch das nur durch einen späten Freistoß von Lothar Matthäus in der 88. Minute. Wer sich heute über Marokkos Selbstverständnis wundert, mit dem es die Großen dieses Turniers anpackt, sollte wissen: Dieses Land ärgert Europas Fußballaristokratie nicht erst seit gestern.

Bleibt der amtierende Titelträger der schönen Vorzeichen, und der schließt den Kreis zurück zur Schweiz. Denn von allen acht Verbliebenen hat genau einer schon einmal bewiesen, dass ein katastrophaler Start alles bedeuten kann, nur nicht das Ende: Spanien. 2010 verlor die Selección ihr allererstes Gruppenspiel sage und schreibe gegen die Schweiz mit 0:1 – ein Ausrutscher, der damals als eine der größten Blamagen der Turniergeschichte galt. Vier Wochen später stemmte genau dieses Spanien den Pokal in den Himmel, als erste Mannschaft überhaupt, die Weltmeister wurde, obwohl sie ihr Auftaktspiel verloren hatte. Die junge spanische Elf von heute darf sich also an einen tröstlichen Gedanken klammern – und alle anderen sieben an einen warnenden: In diesem Achtelklub weiß mindestens einer ganz genau, dass es am Ende nicht darauf ankommt, wie man anfängt.

Zum Schluss noch das

Und weil an einem spielfreien Tag ausnahmsweise auch der Pokal selbst ins Rampenlicht darf, für den diese acht noch spielen, sei an die berühmteste Rettungstat der WM-Geschichte erinnert – vollbracht nicht von einem Torwart, sondern von einem Hund. Im März 1966, wenige Monate vor dem Turnier in England, wurde die goldene Jules-Rimet-Trophäe mitten in London aus einer Vitrine gestohlen; Scotland Yard stand ratlos da, ein ganzes Land schämte sich. Gefunden hat den Pokal am Ende ein schwarz-weißer Collie namens Pickles, der beim Gassigehen an einem in Zeitungspapier gewickelten Bündel unter einer Hecke schnüffelte. Sein Herrchen packte aus – und hielt die wertvollste Trophäe des Weltsports in den Händen. Pickles kassierte Ruhm, sein Besitzer knapp 5.000 Pfund Belohnung, und als England den Titel gewann, durfte der Hund tatsächlich mit zum Bankett. Acht Mannschaften träumen dieser Tage davon, diesen Pokal in die Höhe zu recken. Der Einzige, der ihn je wirklich gerettet hat, hat dafür bloß eine Hecke und eine gute Nase gebraucht.

Nachrichten Vogtland
Website | + posts

Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

Werbung

Vogtland Shop