WM KolumneBallflachstreicher | 08 Juli 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Endlich schlägt die Schweizer Stunde.

Die Schweiz steht im Viertelfinale, und wer die vergangenen zwanzig Jahre Schweizer Fußball verfolgt hat, weiß, dass in diesem schlichten Satz ein kleines Wunder steckt. Denn kaum eine Nation hat sich so verlässlich bis zu einer bestimmten Tür vorgearbeitet, nur um dort jedes Mal aufs Neue zu scheitern. Achtelfinale, Achtelfinale, Achtelfinale – das war jahrelang das Schweizer Schicksal, ein Land, das immer nur ein bisschen drin war aber nie ganz durchgehen durfte.

Man muss sich diese Chronik des Herzschmerzes einmal ansehen, um zu begreifen, was gestern in Vancouver passiert ist. 2006 scheiterte die Nati im Elfmeterschießen an der Ukraine – und zwar so gründlich, dass sie als erste Mannschaft der WM-Geschichte kein einziges Spiel im Turnier verlor und trotzdem ausschied, weil ihr im Elfmeterschießen kein einziger Treffer gelang. 2014 verlor sie nach überragender Leistung erst in der 118. Minute an Argentinien, durch ein Tor von Ángel Di María. 2018 war gegen Schweden Schluss, und 2022 kassierte sie in der Runde der letzten 16 gegen Portugal eine 1:6-Demütigung, wie sie schmerzhafter kaum sein könnte.

Und gestern, gegen ein starkes Kolumbien, drohte sich das alte Trauerspiel zu wiederholen: 0:0 nach 120 Minuten, das erste torlose Duell der gesamten K.-o.-Runde, ein Spiel, das förmlich nach schweizerischer Tragödie roch. Dann kam das Elfmeterschießen, jenes Instrument, das die Nati 2006 zerstört hatte – und diesmal war sie es, die eiskalt blieb. Kolumbien vergab gleich den ersten Versuch, die Schweiz ging in Führung und ließ sich den Vorsprung nicht mehr nehmen. Am Ende hieß es 4:3. Ausgerechnet vom Punkt, ausgerechnet dort, wo vor zwanzig Jahren nicht ein einziger ihrer Schützen getroffen hatte. So schließt der Fußball seine Kreise mit einer Präzision, die man sonst nur Schweizer Uhrwerken zutraut.

Werbung

Und genau das ist das Geheimnis dieser Mannschaft. Die Schweiz hat keine Weltstars. Was sie hat, ist etwas Selteneres: ein Kollektiv, das größer ist als die Summe seiner Namen. Diese Nati verteidigt diszipliniert, sie leidet gemeinsam, sie steht auch dann noch, wenn längst alles gegen sie spricht – geführt von einem Granit Xhaka, der auf dem Platz eher wie ein Vorarbeiter wirkt als wie ein Künstler. Es ist kein Fußball zum Verlieben, aber einer zum Respektieren. Wer sich fragt, wozu diese Schweizer fähig sind, wenn die Nerven zählen, muss nur an die EM 2021 denken, als sie ausgerechnet den Weltmeister Frankreich im Elfmeterschießen aus dem Turnier warfen.

Fast schon zu passend fügt sich, wer im Viertelfinale auf die endlich befreite Schweiz wartet: Argentinien. Also genau jene Mannschaft, die ihr 2014 in der Verlängerung das Herz herausgerissen hatte. Und die kommt in Bestform, oder besser: in Bestverfassung des Willens. Denn auch die Albiceleste lieferte gestern ein Drama für die Ewigkeit, lag gegen Ägypten schon mit 0:2 zurück und drehte die Partie in einem Wahnsinnsfinish binnen dreizehn Minuten noch zum 3:2 – Romero, dann Messi höchstpersönlich, ehe Enzo Fernández in der Nachspielzeit alle Dämme brach. Die Schweiz hat ihren Fluch besiegt; nun wartet auf sie der Weltmeister, der offenbar gar nicht mehr weiß, wie Aufgeben geht. Das Duell könnte kaum reizvoller sein: das unkaputtbare Kollektiv gegen den unbeugsamen Willen.

Zum Schluss noch das

Während sich die Schweiz vom WM-Elfmetertrauma befreite, lieferte ein anderer Gastgeber die bizarrste Randnotiz dieser K.-o.-Runde, und sie hat mit Fußball erstaunlich wenig zu tun. Die USA verloren ihr Achtelfinale gegen Belgien mit 1:4. Interessant wurde die Sache vorab durch die Frage, wer überhaupt mitspielen durfte. Stürmer Folarin Balogun hatte eine Runde zuvor gegen Bosnien nach ausgiebigem VAR-Studium die Rote Karte gesehen, ein Tritt in Knöchelnähe, eigentlich der klassische Anlass für eine Sperre. Dann aber griff jemand zum Telefon, dessen Name auf einem Spielberichtsbogen wirklich nichts verloren hat: Donald Trump höchstpersönlich rief FIFA-Boss Gianni Infantino an und bat um eine Überprüfung, „weil ich das für kein Foul hielt”. Und siehe da: Die FIFA kassierte die Rote Karte wieder ein, Balogun durfte auflaufen, Belgiens empörter Einspruch wurde kurzerhand abgeschmettert. Der mächtigste Mann der Welt hatte sich eigenhändig in einen Achtelfinal-Kader hineinregiert. Nur eines ließ sich auch von ganz oben nicht überstimmen: der Ball. Charles De Ketelaere traf doppelt, Belgien spazierte durch, und schickte hinterher genüsslich die einzig passende Botschaft in die Welt: „Overturn this.” Eine Rote Karte lässt sich zurücknehmen. Ein 1:4 leider nicht. Ähhhh, noch nicht!

Nachrichten Vogtland
Website | + posts

Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

Werbung

Vogtland Shop