WM KolumneBallflachstreicher | 10 Juli 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Aufgabe erfüllt, Feuer vermisst.

Frankreich steht im Halbfinale, und die ehrlichste Überschrift über dieses Viertelfinale lautet: Aufgabe erfüllt. 2:0 gegen Marokko, kein Zittern, kein Drama, nicht einmal ein nennenswerter Schreckmoment. Wer am Nachmittag im Bostoner Stadion saß, konnte schon früh ahnen, wer den Rasen als Sieger verlassen würde, und spätestens mit dem ersten Tor war auch der letzte Rest Spannung erledigt. Es war das erste Viertelfinale dieses Turniers, und es fühlte sich an wie ein Termin, den Frankreich pflichtschuldig wahrnahm, um sich dann den eigentlich interessanten Dingen zuwenden zu können.

Sechs Spiele, sechs Siege, und als einzige Mannschaft des gesamten Turniers hat Les Bleus jede dieser Partien in der regulären Zeit gewonnen – keine Verlängerung, kein Elfmeterschießen, kein einziger Nachsitz-Abend. Während die Schweiz, England und selbst der Weltmeister Argentinien sich durch Verlängerungen und Nervenkrimis ins Viertelfinale gequält haben, arbeitet Frankreich sein Programm ab wie ein Spediteur seine Route: pünktlich, unaufgeregt, ohne einen Umweg zu viel. Schön ist das nur manchmal. Effizient ist es immer. Und am Ende zählt in einem K.-o.-Turnier bekanntlich nur, wer am nächsten Morgen noch im Hotel wohnt.

Das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Nachmittag war ohnehin nicht, was Frankreich tat – dafür musste es zu wenig tun –, sondern was auf der anderen Seite fehlte. Marokko lag nach etwas über einer Stunde mit 0:2 zurück, und danach passierte: nichts. Kein Aufbäumen, kein wütender Sturmlauf, kaum eine Torchance für Marokko über neunzig Minuten verteilt. Die Niederlage wurde hingenommen, beinahe klaglos, als hätte die Mannschaft insgeheim längst mit ihr abgeschlossen. Über ein Team, das sich seinen Ruf mit Leidenschaft und Trotz erspielt hat, war das die überraschendste Erkenntnis – überraschender jedenfalls als der Sieger.

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Dieses Duell hat es schon einmal gegeben, und es sah komplett anders aus. Dezember 2022, Halbfinale, Al-Bayt-Stadion: Damals stand Marokko als erste afrikanische Mannschaft der Geschichte in einem WM-Halbfinale und warf sich den Franzosen mit einer Inbrunst entgegen, die einem den Atem nahm. Es verlor auch damals mit 2:0, durch einen frühen Treffer von Théo Hernández und einen späten von Randal Kolo Muani, aber es ging heldenhaft unter – kämpfend bis zur letzten Sekunde, mit erhobenem Kopf. Zweieinhalb Jahre später wieder Frankreich, wieder 2:0, wieder das Aus. Nur diesmal quasi ohne Gegenwehr. Das Feuer von Katar, es war an diesem Tag schlicht erloschen.

Sinnbildlich für die ganze Machtverteilung war jener eine Moment, der die Sache hätte spannend machen können und den Frankreich einfach wegwischte. Kylian Mbappé verschoss früh einen Elfmeter – und es blieb folgenlos, weil er kurz nach der Pause eben doch traf und damit nebenbei mit Lionel Messi im Rennen um den Torschützenkönig wieder gleich zog. Ein verschossener Elfmeter, der bei anderen ein ganzes Spiel kippt, blieb hier bloß eine Fußnote – korrigiert binnen einer halben Stunde, in der ohnehin nichts geschah, außer dass Marokko auf seine Niederlage zu warten schien.

Für Marokko aber endet hier eine Reise, die leiser ausklang, als es dieses Land verdient hätte. Vielleicht war der Gegner einfach zu groß, vielleicht die Kraft nach einem langen Turnier aufgebraucht. Sicher ist nur: Der Löwe vom Atlas, der 2022 die Fußballwelt verzauberte, hat diesmal vergessen zu brüllen.

Zum Schluss noch das

Der Mann, der all das mit versteinerter Miene an der Seitenlinie dirigierte, verkörpert diese Woche wie kein Zweiter, worum es Frankreich geht. Didier Deschamps wurde nie für seine Eleganz geliebt, weder als kantiger Mittelfeldarbeiter noch als Trainer, dem Kritiker seit Jahren vorwerfen, aus einem Kader voller Künstler das Nüchternste herauszuholen, was möglich ist. Und doch steht er da, wo kaum ein Mensch je gestanden hat: Er hat den WM-Pokal 1998 als Kapitän in die Höhe gestemmt und 2018 als Trainer – erst der dritte Mensch überhaupt, dem beides gelang, nach dem Deutschen Franz Beckenbauer und dem Brasilianer Mário Zagallo. Diese WM ist seine letzte; er hat längst angekündigt, danach zu gehen. Es passt beinahe zu perfekt, dass sein Abschied genau so aussieht wie seine ganze Laufbahn: ohne Glanz, ohne Getöse, aber mit einem Ergebnis, das am Ende auf der Anzeigetafel steht. Manche verlassen die Bühne unter Applaus für ihre Schönheit. Deschamps verlässt sie, wie er sie betreten hat – als Sieger, den die Frage nach dem Applaus noch nie interessiert hat.

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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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