Titelfoto: Stephanie Rössel
Von der Göltzschtalbrücke als touristischem Erlebnis bis zu neuen Industrieprojekten: Südwestsachsen arbeitet an seiner wirtschaftlichen Zukunft. Rund 120 Projektvorschläge liegen für einen regionalen Masterplan auf dem Tisch. Doch bevor aus den Ideen neue Arbeitsplätze, touristische Angebote und Investitionen werden können, müssen wichtige Entscheidungen fallen. Auch für das Vogtland steht einiges auf dem Spiel.
Südwestsachsen hat Ideen. Viele sogar. Rund 120 Projektvorschläge aus Kommunen, Wirtschaft, Wissenschaft und weiteren Bereichen sind für den Masterplan Südwestsachsen eingereicht worden. Dahinter stehen ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, wie sich die Region wirtschaftlich weiterentwickeln könnte: neue Industrie- und Innovationsprojekte, bessere Verkehrsverbindungen, Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel und neue touristische Angebote.
Die Einreichungsfrist ist inzwischen abgelaufen. Einzelne Unterlagen werden noch nachgereicht, weshalb sich die endgültige Zahl der Projekte verändern kann. Nun beginnt die eigentliche Auswahl. Denn nicht jede Idee wird automatisch Bestandteil des fertigen Masterplans. In den kommenden Wochen sollen die Vorschläge nach gemeinsam entwickelten Kriterien bewertet und priorisiert werden. Die ausgewählten Projekte sollen im Herbst 2026 in die finale Fassung einfließen.
Was steckt eigentlich hinter dem Masterplan Südwestsachsen?
Der Masterplan soll eine gemeinsame Entwicklungsstrategie für die Stadt Chemnitz und vier Landkreise schaffen: den Vogtlandkreis, den Landkreis Zwickau, den Erzgebirgskreis und den Landkreis Mittelsachsen. Hintergrund ist der wirtschaftliche Wandel einer Region, deren Industrie stark von der Automobilbranche und ihren Zulieferern geprägt ist. Technologische Veränderungen, internationaler Wettbewerb und der Übergang zu klimafreundlicheren Produktionsverfahren stellen Unternehmen und Beschäftigte vor neue Herausforderungen.
Die eingereichten Projekte verteilen sich auf fünf Handlungsfelder: Wirtschaft, Infrastruktur und Mobilität, Wissenschaft und Innovation, Bildung und Fachkräfte sowie öffentliche Daseinsvorsorge. Entscheidend ist dabei nicht allein der Nutzen für einen einzelnen Ort. Die Vorhaben sollen möglichst eine Wirkung für die gesamte Wirtschaftsregion entfalten.
Göltzschtalbrücke: Aus einem Wahrzeichen soll ein Erlebnis werden
Wie sich die Strategie konkret auf das Vogtland auswirken könnte, zeigt ein Vorhaben, das Sachsens Kultur- und Tourismusministerin Barbara Klepsch in dieser Woche in Dresden vorgestellt hat. Das Gelände rund um die Göltzschtalbrücke soll touristisch weiterentwickelt werden. Das monumentale Bauwerk zwischen Netzschkau und Reichenbach ist die größte Ziegelsteinbrücke der Welt und längst eines der bekanntesten Wahrzeichen des Vogtlands. Bereits im Sommer 2026 wurde ein touristisches Entwicklungskonzept unter dem Titel „GöltzschExperience 360° – Weitsicht erleben, Geschichte spüren, Abenteuer fühlen“ vorgestellt. Es sieht vor, das Brückenareal bis 2031 zu einem ganzjährig nutzbaren Erlebnis-, Bildungs- und Veranstaltungsort zu entwickeln.
Drei wesentliche Bestandteile sind vorgesehen:
- Ein Besucherzentrum mit Informationen, Gastronomie, Serviceangeboten, Veranstaltungsräumen und digitalen Möglichkeiten, die Geschichte des Bauwerks zu entdecken.
- Ein Landschaftspark mit Erlebnispfad, Aufenthaltsbereichen, Spielmöglichkeiten und Veranstaltungsfläche.
- Zusätzliche Erlebnisangebote, die den Besuch der Brücke mit besonderen Perspektiven und Aktivitäten verbinden sollen.
Das Konzept wurde im Auftrag der Stadt Reichenbach erarbeitet und bereits den Stadträten von Reichenbach und Netzschkau sowie Vertretern sächsischer Ministerien präsentiert. Bei der Vorstellung der Tourismusideen brachte Klepsch weitere Möglichkeiten ins Gespräch: Wohnmobilstellplätze und eine sogenannte Fly-Line durch die Brücke könnten zusätzliche Besucher anziehen. Ob und in welcher Form diese einzelnen Angebote tatsächlich verwirklicht werden, ist damit allerdings noch nicht entschieden.
Fichtelberg, Radwege und Kurorte: Fünf Ideen für den Tourismus
Auf dem Fichtelberg ist ein Skisport- und Eventzentrum einschließlich eines Museums angedacht. Das Projekt soll in Zusammenarbeit zwischen der Privatwirtschaft und dem Deutschen Skiverband entstehen und Oberwiesenthal auch außerhalb der klassischen Wintersaison stärker positionieren. Weitere Vorschläge beschäftigen sich mit dem Gesundheitstourismus in den Kur- und Erholungsorten sowie mit dem Ausbau und der Vernetzung von Angeboten für Radreisende.
Übergeordnetes Ziel ist es, das Erzgebirge, das Vogtland und die Region Chemnitz-Zwickau stärker miteinander zu verbinden und gemeinsam als grenzüberschreitende Reise- und Erlebnisregion zu entwickeln. Dabei geht es nicht ausschließlich um zusätzliche Urlauber. Gut ausgebaute Radwege, attraktive Freizeitangebote und eine funktionierende touristische Infrastruktur können auch den Menschen zugutekommen, die hier leben.
Gerade angesichts des Klimawandels soll der Tourismus in den sächsischen Mittelgebirgen zudem unabhängiger von einzelnen Jahreszeiten werden. Ganzjährige Angebote sollen dabei helfen, die wirtschaftliche Grundlage der Branche zu verbreitern.
Tourismus im Vogtland: 356 Millionen Euro Umsatz und knapp 9.000 Einkommen
Dass der Tourismus längst ein relevanter Wirtschaftsfaktor ist, zeigen die Zahlen, die das sächsische Tourismusministerium im Zusammenhang mit dem Masterplan veröffentlicht hat:
356 Mio. €
touristischer Bruttoumsatz
knapp 9.000
Menschen mit Einkommen aus dem Tourismus
2,2 Mio.
Übernachtungen 2025
85,8 / 100
Punkte im Gästezufriedenheitsindex
Quellen: Sächsisches Tourismusministerium, dpa und MDR, September 2026. Die Kennzahlen stammen aus unterschiedlichen Erhebungen beziehungsweise Bezugszeiträumen.
Hinter diesen Zahlen stehen Hotels und Pensionen, Restaurants, Freizeiteinrichtungen, Veranstalter und zahlreiche weitere Unternehmen, die direkt oder indirekt von Gästen profitieren.
100 Millionen Euro Anschubfinanzierung – aber noch keine Förderzusagen
Die entscheidende Frage lautet nun: Wer bezahlt die Projekte?
Für den Masterplan ist eine Anschubfinanzierung von 100 Millionen Euro aus dem Sondervermögen des Bundes vorgesehen. Das Geld soll vor allem Infrastrukturvorhaben zugutekommen. Allerdings sind die Mittel noch nicht verteilt. Der Regionalkonvent kann erst über ihre Verwendung entscheiden, wenn die Projekte bewertet sind und die sächsische Staatsregierung die entsprechenden Rahmenbedingungen festgelegt hat. Zudem reichen 100 Millionen Euro voraussichtlich nicht aus, um sämtliche Vorhaben zu finanzieren. Deshalb sollen weitere Fördermöglichkeiten des Landes, des Bundes und der Europäischen Union erschlossen werden.
Die Aufnahme eines Projekts in den Masterplan ist keine Förderzusage. Sie bedeutet zunächst, dass die Region das Vorhaben unterstützt und sich gemeinsam für dessen Umsetzung einsetzen will. Für die Göltzschtalbrücke und die anderen vorgestellten Tourismusideen heißt das: Sie sind Teil der Planungen, ihre Finanzierung und Realisierung müssen jedoch gesondert geklärt werden.
Wer entscheidet, welche Projekte Vorrang bekommen?
Die eingereichten Vorhaben werden anhand einer einheitlichen Bewertungsmatrix geprüft. Anschließend werden die Projekte in drei Kategorien eingeordnet: Vorhaben mit höchster Priorität, Projekte mit Priorität und weitere Projekte mit besonderer regionaler Bedeutung. Die abschließende Entscheidung über die Prioritäten trifft der Regionalkonvent. Ihm gehören die vier Landräte der beteiligten Landkreise und der Chemnitzer Oberbürgermeister an.
Dabei wird nicht ausschließlich über einzelne eingereichte Projekte entschieden. Der Masterplan soll auch übergeordnete Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum benennen, etwa leistungsfähige Straßen- und Schienenverbindungen, verfügbare Industrie- und Gewerbeflächen, eine zuverlässige Energieversorgung und moderne Kommunikationsnetze.
Der Masterplan soll auch nach 2026 weiterleben
Mit der Auswahl der Projekte ist die Arbeit nicht beendet. Der Masterplan soll im Herbst 2026 seine finale Fassung erhalten. Für Dezember ist nach Angaben der Projektverantwortlichen ein Beschluss vorgesehen. Anschließend soll der Stand unter anderem an die sächsische Staatsregierung, den Landtag und die Bundesregierung übermittelt werden. Neue Projekte können auch künftig hinzukommen, bestehende Vorhaben weiterentwickelt werden. Der Masterplan ist ausdrücklich als langfristiger Prozess angelegt. Landrat Carsten Michaelis, Sprecher des Regionalkonvents, sagt: „Der Masterplan soll kein statisches Papier werden, das nach seiner Fertigstellung im Regal verschwindet.“
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Masterplan Südwestsachsen: 120 Ideen für die Zukunft – und das Vogtland will mitgestalten

