Titelfoto: Axel Trisam
Man könnte Wolfgang Bellmers Leben chronologisch erzählen. Geboren am 7. Februar 1940 in Holzminden. Jurastudium. Rechtsanwalt und Notar. Unternehmer. Von 1993 bis 1996 Bürgermeister seiner Heimatstadt. Schriftsteller. Künstler. Ateliers in Berlin, Eschershausen und im Ostseebad Rerik.
Nur würde eine solche Aufzählung wahrscheinlich genau das verfehlen, was diesen Mann interessant macht. Denn Bellmers Biografie besteht weniger aus sauber voneinander getrennten Kapiteln als aus Wegen, die sich kreuzen, auseinanderlaufen und später wieder zusammenfinden.
„Mein Weg war sicher nicht geradlinig, aber ich habe aus jeder Lebensphase etwas mitgenommen“, sagt er. Ob Jurist, Bürgermeister, Unternehmer, Künstler oder Schriftsteller – jede Station habe ihn geprägt. Nur eines habe er dabei nie aufgegeben: „Auch wenn ich beruflich zunächst andere Wege gegangen bin, habe ich nie aufgehört zu malen.“
Ein Tuschebild, mit dem alles begann
Die Geschichte des Malers Wolfgang Bellmer beginnt lange vor seiner politischen oder juristischen Karriere. Schon als Schüler malt er sein erstes Tuschebild – und erlebt etwas, das sich tief einprägt: Das Bild verkauft sich. „Für mich hatte das damals fast etwas Magisches“, erinnert er sich. Von diesem Moment an habe ihn die Kunst nicht mehr losgelassen.
Dass Bellmer seinen Lebensunterhalt später nicht mit seinen Bildern verdienen musste, betrachtet er rückblickend sogar als Vorteil. Die Juristerei finanzierte das Leben, die Malerei blieb sein Freiraum. Kein Zwang, Trends zu bedienen. Keine Notwendigkeit, das zu produzieren, was sich gerade verkaufen ließ.
„Ich konnte malen, was mich wirklich beschäftigt hat, ohne mich danach zu richten, was sich gut verkauft oder was andere von mir erwarten.“ Diese Freiheit, sagt Bellmer, habe seine künstlerische Entwicklung entscheidend geprägt. Vielleicht liegt darin ein Schlüssel zum Verständnis seiner Arbeiten.

Wolfgang Bellmers Kunst: Der Blick hinter die Dinge
Wer vor einem Bild Bellmers steht, bekommt selten Gelegenheit, sich langsam an Farbe heranzutasten. Sie ist einfach da. Kräftig, kontrastreich, mitunter eruptiv. Flächen treffen auf Linien, geometrische Strukturen auf scheinbar freie Bewegungen. Kreise, Spiralen, Gitter und Kreuze tauchen immer wieder auf. Seine Arbeiten entstehen nicht nur auf Leinwand, sondern auch hinter Glas, auf Porzellan und Keramik oder als Skulpturen. Braun allerdings sucht man weitgehend vergeblich.
Das ist kein Zufall. „Braun ist für mich eine schwere, eher bedrückende Farbe“, erklärt Bellmer. Seine Kunst soll das Gegenteil transportieren: „Energie, Lebensfreude und Offenheit.“ Kräftige Farben und Kontraste sollen Bewegung erzeugen und neugierig machen. Dabei geht es ihm nicht um Dekoration. Und auch nicht darum, dem Betrachter vorzuschreiben, was dieser zu erkennen hat.
„Die abstrakte Malerei ist für mich der Blick hinter die Dinge“, sagt Bellmer. Gegenständliche Malerei zeige, was sichtbar sei. Ihn interessiere dagegen, „was dahinter liegt“. Seine Bilder sollen deshalb nicht erklären, sondern anregen. Jeder bringe seine eigenen Erfahrungen mit – und könne folglich im selben Werk etwas anderes entdecken. Das macht seine Arbeiten gewissermaßen zu offenen Erzählungen.
Kunst, die ihren Rahmen verlässt
Und Bellmer denkt durchaus groß. Seine Kunst bleibt nicht zwangsläufig an der Wand einer Galerie. Im Juli 2025 entstand am Rande des Weserberglandes eine monumentale Hinterglasarbeit: 24 Meter breit und 2,50 Meter hoch, während einer öffentlichen Performance gemalt. Die Bildwand markiert die Grenze zu einem Gestüt und funktioniert zugleich als weithin sichtbare Landmarke. Die Hinterglasmalerei wird bei Bellmer damit vom gerahmten Kunstwerk zum Bestandteil einer Landschaft. Genau das interessiert ihn.
„Ein Bild muss nicht immer nur in einer Galerie oder einem Museum hängen“, sagt er. Kunst könne Menschen dort erreichen, „wo sie leben und sich bewegen“. Gerade bei seinen Hinterglasarbeiten fasziniere ihn, dass sie Teil ihrer Umgebung werden und sich mit einem Ort verbinden.
Bellmers Werke waren über Jahrzehnte an unterschiedlichen Orten zu sehen – unter anderem in Berlin, Bad Pyrmont, Bad Doberan, Leipzig, Braunschweig, im französischen Nizza und Grasse sowie in den Niederlanden und den USA. 2025 zeigte die Magistrale Kunsthalle in Frankfurt (Oder) 40 großformatige Arbeiten aus verschiedenen Schaffensphasen unter dem Titel „Wolfgang Bellmer – Leben ist Farbe“.

Wenn Farbe eine Sprache wird
In Eschershausen hat er gemeinsam mit Karl-Wilhelm Lange die KulturWerkstatt Bellmer initiiert. Aus einem ehemaligen Gerichtsgebäude wurde ein Ort für Kunst, Begegnung und soziale Projekte. Dort gibt es Veranstaltungen und kreative Angebote; zugleich finden geflüchtete und benachteiligte Familien Wohnraum. Wie wichtig Kunst gerade für Kinder sein kann, begriff Bellmer durch ein Erlebnis in seinem eigenen Atelier.
Kinder geflüchteter Familien, die in seinen Immobilien untergebracht waren, hatten dort mit Farben gearbeitet. Danach, erzählt Bellmer, sei praktisch überall Farbe gewesen. Die Mütter hätten sich bei ihm entschuldigt, weil die Kinder vermeintlich das Atelier verwüstet hätten. Bellmer sah etwas anderes. Er sah die Freude der Kinder. „Da haben wir den Schlüssel, die Kinder glücklich zu machen“, sei ihm damals durch den Kopf gegangen. Für ihn wurde dieser Moment zur Erkenntnis darüber, welche Möglichkeiten kreatives Arbeiten besitzt, wenn Sprache an Grenzen stößt.
Heute kommen in der KulturWerkstatt auch Schulklassen zusammen. Kinder unterschiedlicher Herkunft begegnen sich über das gemeinsame Gestalten. Er erlebt dabei, dass gerade jene, die sich sonst schwer in eine Gruppe einfinden, plötzlich Teil einer Gemeinschaft werden. Hier bekommt sein Satz vom „Blick hinter die Dinge“ noch eine zweite Bedeutung.
Wolfgang Bellmer ist auch Schriftsteller
Denn Farbe ist nicht Bellmers einziges Ausdrucksmittel. Wenn das Bild nicht genügt, bleiben ihm die Worte. Zu seinem literarischen Werk gehören unter anderem „Die durstige Insel“, „Bumerang“, „Das Pyrmont-Komplott“ und seine Bücher um „Elise“. Drei seiner Drehbücher wurden für die ZDF-Serie „SOKO Leipzig“ verfilmt. Mit dem biografischen Roman „Elises Sohn“ hat Bellmer schließlich das eigene Leben zum Stoff gemacht. Darin führt der Weg vom Jungen der Nachkriegszeit über Bundeswehr, Jurastudium und journalistische Erfahrungen bis zu Anwaltskanzlei, Politik, Unternehmertum, Südfrankreich und Kunst. Dabei interessiert ihn offenbar weniger eine klassische Lebensbilanz als die Frage, warum ein Leben bestimmte Richtungen einschlägt: Wo lagen die entscheidenden Punkte? Welche Rolle spielten Glück und Schicksal, Können, Leistung, Kindheit – und die eigenen Entscheidungen? Beim Schreiben, so Bellmer, habe er zugleich versucht, sich „selbst nicht so ernst zu nehmen“.
Bilderserie in Holzminden überreicht
“Mut tut Not” – und bekommt einen festen Platz in Holzminden. Die großformatige Bilderserie des Künstlers und ehemaligen Bürgermeisters wurde kürzlich offiziell an die Stadt übergeben. Die farbintensiven Werke sind dort zu sehen. Sie verleihen dem Raum eine eindrucksvolle Präsenz und stehen zugleich für Bellmers besondere Verbundenheit mit seiner Heimatstadt.
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Wolfgang Bellmer: Ein Leben zwischen Paragrafen, Farbe und der Freiheit der Kunst

