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Albrecht Dürer hat dem Gras ein Denkmal gesetzt. Otto Waalkes schickt einen Ottifanten mit dem Rasenmäher vorbei. Was nach einem Zwischenfall in der Kunstgeschichte klingt, gehört in Wien zum Programm: In der Ausstellung „OTTO Meets ALBERTINA“ begegnet der ostfriesische Komiker und Maler den Werken von Dürer, Schiele, Klimt und anderen Künstlern. Das ist skurril. Und bei genauerem Hinsehen erstaunlich folgerichtig.
Bis zum 10. Januar 2027 ist die von Ralph Gleis kuratierte Präsentation in den Habsburgischen Prunkräumen der Albertina zu sehen. Zum 250-jährigen Bestehen des Museums treten zwölf Arbeiten von Otto Waalkes mit zwölf Faksimiles, also originalgetreuen Reproduktionen ausgewählter Werke der grafischen Sammlung, in einen Dialog.
Otto Waalkes als Maler: Eine Verbindung bis zum Bauhaus
Wer Otto vor allem mit Gitarre, Wortverdrehungen und hüpfender Bühnenakrobatik verbindet, darf sein Bild ergänzen. 1970 wechselte Waalkes an die Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Zu seinen Lehrern gehörte Hans Thiemann, der seinerseits am Bauhaus bei Paul Klee und Wassily Kandinsky studiert hatte. Als Student lebte er damals in einer Künstler-WG, zu der Udo Lindenberg und Marius Müller-Westernhagen gehörten. Die Malerei begleitet ihn seit seinen frühen Hamburger Jahren.
Für die Wiener Schau ist dieser Hintergrund aufschlussreich. Denn eine Bildparodie lebt vom genauen Hinsehen: Welche Linie macht eine Figur unverwechselbar? Welche Farben tragen die Stimmung? Und wie viel lässt sich verändern, bevor der Bezug zur Vorlage verloren geht?

Der Flügel einer Blauracke, um 1500
Aquarell und Deckfarben, mit Deckweiß gehöht,
auf Pergament
19,6 × 20 cm
ALBERTINA, Wien

Der ostfriesische Götterbote, 2025
Acryl auf Hartfaserplatte, Teegrund
30 × 30 cm
© 2026 Otto Waalkes
Dürers Rasenstück bekommt einen „Final Cut“
Besonders anschaulich wird das bei Albrecht Dürers „Das große Rasenstück“ von 1503. Die Naturstudie widmet unscheinbaren Gräsern und Blättern eine Aufmerksamkeit, an der jeder eilige Spaziergänger vorbeigegangen wäre. Aus einem Stück Boden wird ein eigener kleiner Kosmos.
Otto ergänzt mit „Final Cut“. Sein Ottifant schiebt einen Rasenmäher ins Bild. Das Zusammentreffen von geduldiger Naturbeobachtung und beherzter Gartenpflege liefert die Pointe. Zugleich lässt es sich als kleiner Kommentar auf den allgemeinen Ordnungsdrang lesen. Eine andere Begegnung mit Dürer fällt geradezu elegant aus. Dessen „Flügel einer Blauracke“ schmückt bei Otto die vertraute Flügelkappe. „Der ostfriesische Götterbote“ trägt damit ein Stück Renaissance auf dem Kopf.

Das große Rasenstück, 1503
Aquarell und Deckfarben, mit Deckweiß gehöht
40,8 × 31,5 cm
ALBERTINA, Wien

Final Cut, 2026
Acryl auf Leinwand
51,8 × 40,9 cm
© 2026 Otto Waalkes
Schiele, Klimt und Klee: Kleine Eingriffe, neue Geschichten
Bei Egon Schieles „Adele Harms, die Schwägerin des Künstlers“ wandert ein Ottifant auf den Schoß der Porträtierten. Ottos „Schwägerin mit Haustier“ übernimmt die erkennbare Haltung und das gestreifte Kleid, verschiebt aber die Beziehung im Bild: Plötzlich gibt es jemanden, dem die Frau Zuwendung schenken könnte. Der kleine Gast verändert, wie Betrachtende auf ihre Hände und ihren Blick achten.
Gustav Klimts „Bildnis einer Dame mit Cape und Hut“ liefert wiederum die Vorlage für eine vornehme Ottifantin. Bei Paul Klee nimmt das Spiel eine andere Richtung. Ausgehend vom rätselhaften Wesen in „Blau mantel“ entwickelt Waalkes seine „Polonaise Blankenese“: Drei farbige Ottifanten ziehen hintereinander durchs Bild. Die rauen Farbflächen und die eigenwillige Gestalt des Vorbilds finden in dieser kleinen Prozession einen verwandten Ton.
Gerade hier zeigt sich, wie unterschiedlich Otto auf die Vorlagen reagiert. Mal setzt er eine zusätzliche Figur in eine vertraute Szene, mal übernimmt er deren Formensprache. Zu den weiteren künstlerischen Gegenübern gehören Pieter Bruegel der Ältere, Hans Baldung Grien, Jean-Honoré Fragonard, Jean-Baptiste Greuze, Jean-Antoine Watteau, Roelant Savery und Franz Marc.

Savoyarde mit tanzender Puppe, um 1765-1769
Feder, Pinsel in Schwarz und Braun, laviert, über
Grafitstift auf Papier
32,4 × 27,5 cm
ALBERTINA, Wien

The Dancing Queen, 2025
Aquarell und Acryltinte auf Papier, Vorzeichnung mit
dunklem Buntstift
39,9 × 29,9 cm
© 2026 Otto Waalkes
Humor als Einladung zum zweiten Blick
Der Ottifant ist sofort erkannt. Interessant wird es in dem Moment danach: wenn der Blick zur Vorlage zurückwandert und dort eine Geste, eine Farbbeziehung oder eine merkwürdige Figur entdeckt, die zuvor kaum aufgefallen wäre. Darin liegt der Reiz dieser Gegenüberstellungen. Das Vertraute bekommt eine kleine Störung, und plötzlich schaut man genauer hin.
Die Habsburgischen Prunkräume geben diesem Spiel einen passenden Rahmen. Zwischen höfischer Repräsentation und ostfriesischer Unbekümmertheit entsteht eine Spannung, die man durchaus genießen darf. Schließlich muss auch ein ehrwürdiges Museum zu seinem 250. Geburtstag keine steife Gesellschaft geben.
„OTTO Meets ALBERTINA“ macht Lust auf einen Kunstgenuss, bei dem auch der Humor seinen Platz hat. Die Ehrfurcht darf für einen Moment an der Garderobe bleiben – die Neugier sollte unbedingt mit hinein. Dürers Gräser ziehen schließlich seit mehr als fünf Jahrhunderten die Blicke auf sich. Einen Ottifanten werden sie wohl aushalten.
Termine und Besuch
- Laufzeit: 3. Juni 2026 bis 10. Januar 2027
- Ort: Habsburgische Prunkräume der Albertina, Albertinaplatz 1, 1010 Wien
- Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr, mittwochs und freitags bis 21 Uhr
- Eintritt Albertina: regulär 20,90 Euro; unter 19 Jahren frei. Das Museumsticket gilt für das gesamte Haus. albertina.at
- Begleitbuch: 72 Seiten, Deutsch/Englisch, 29,90 Euro; mit Texten von Bernd Eilert und einem Gespräch zwischen Otto Waalkes und Ralph Gleis – erhältlich im Shop der ALBERTINA sowie unter https://shop.albertina.at/
- Informationen: Zur Ausstellung auf der Website der Albertina
Seit zwei Jahrzehnten journalistisch unterwegs – mit offenen Ohren, kritischem Blick und Freude an Sprache. Im Vogtland verwurzelt, weit darüber hinaus neugierig. Ihr Fokus liegt auf Kunst und Kultur sowie den Menschen dahinter. Unvoreingenommen im Gespräch, differenziert im Urteil, mit Gespür für Zwischentöne und der Freude daran, andere für Neues zu begeistern.
Otto Waalkes in Wien: Ein Ottifant mischt die Kunstgeschichte auf

