Danke, Deutschland. Danke für das Ausscheiden. Und das ist nicht zynisch gemeint. Mit dem 1:1 nach Verlängerung und der 3:4-Niederlage im Elfmeterschießen gegen ein tief stehendes Paraguay endet nicht nur eine müde Vorstellung, sondern auch das wochenlange, heillose Gekicke, das man sich endlich nicht mehr ansehen muss. Endlich muss man sich auch nicht mehr fragen, ob es „doch noch reicht”. Endlich kann man sich dem widmen, was diese Weltmeisterschaft an wirklich schönem Fußball zu bieten hat – und den spielen nun mal die anderen.
Zum Spiel selbst genügen wenige Sätze, denn es war exemplarisch: Julio Enciso köpfte Paraguay nach einem Standard in Führung, Kai Havertz glich aus, und über 120 zähe Minuten fiel der deutschen Offensive gegen einen kompakten Block – wieder einmal – kaum etwas ein. Havertz, Woltemade und Tah verschossen vom Punkt. Immerhin überstand Deutschland diesmal die Gruppenphase – anders als bei den jüngsten Turnieren –, doch schon im ersten K.-o.-Spiel war wieder Schluss. Das Bittere daran ist nicht die Niederlage, sondern dass sie nicht überraschte.
Denn der Befund war von Beginn an sichtbar – ehrlich gesagt schon beim 7:1 gegen Curaçao, das viele in Verzückung versetzte und doch die Defizite im Defensivverhalten nicht verstecken konnte. Schaut man dagegen, wie Argentinien, Frankreich oder England Fußball spielen, wie sie ein Spiel kontrollieren, wie selbstverständlich sie umschalten und von welcher Spielerqualität diese zehren können, dann liegt zwischen diesen Mannschaften und der deutschen kein Quäntchen, sondern eine ganze Klasse. Das ist keine Häme über das Aus, sondern eine nüchterne Beobachtung.
Wichtig ist dabei eine Unterscheidung: Das Problem ist nicht die Bundesliga. Die ist nach wie vor stark – aber sie ist es vor allem, weil enorm viel Geld und enorm viele ausländische Spitzenspieler in ihr stecken. Das sagt wenig darüber aus, was der deutsche Fußball aus eigener Kraft hervorbringt. Und genau da, bei den deutschen Spielern, klafft die Lücke. Was diese Nationalmannschaft seit zehn Jahren auf den Platz stellt, ist im Vergleich mit der wirklichen Spitze schlicht nicht mehr konkurrenzfähig. Vor jeder Endrunde aber setzt dieselbe Schönrederei ein, befeuert von einer Industrie, für die eine Weltmeisterschaft vor allem ein gewaltiges Geschäft ist. Die Übertragungen bringen dem sterbenden Format TV nochmal Quote und Bezahlkunden. Begeisterung verkauft sich besser als der klare Blick. So redet man sich eine Mannschaft schön, die längst keine Weltklasse mehr ist. Euphorie Eins, Klarheit Null.
Wie man es trotz mäßiger Form richtig macht, führte am selben Tag ausgerechnet Brasilien vor. Auch die Seleção bekleckerte sich gegen Japan nicht mit Ruhm, lag zurück und musste sich bis zur 95. Minute quälen, ehe Gabriel Martinelli das 2:1 erzielte. Aber die Brasilianer hatten eben das eine nicht vergessen, was Deutschland an diesem Abend nicht mehr zustande brachte: dass man bei einer Weltmeisterschaft gewinnen muss, wenn man weiterkommen will – mit Glanz oder ohne, aber gewinnen. Sie fanden einen Weg. Deutschland fand den Weg nach Hause.
Und damit zur unbequemen Erkenntnis, die man sich nicht schönreden sollte. Die tröstliche Floskel, man müsse das Problem „nur erkennen”, dann werde schon alles besser, hilft hier nicht weiter – denn das eigentliche Problem lässt sich nicht gutreden: Es fehlt die individuelle Qualität, um mit Mannschaften wie Frankreich auf Augenhöhe zu spielen. Wer keine Weltklassespieler hat, baut auch kein Weltklasse-Team auf, so oft man das Wort „Aufbruch” auch bemüht. Die einzige ehrliche Konsequenz ist deshalb eine, die dem deutschen Selbstbild wehtut: Deutschland müsste vermutlich aufhören, sich wie ein Großer aufzustellen und einen schönen Offensivfußball spielen zu wollen, den es nicht mehr beherrscht. Es müsste klein denken lernen – tief stehen, kompakt mauern, auf Konter lauern, so wie es Curaçao, Kap Verde und nun Paraguay vorgemacht haben. Ausgerechnet von jenen Außenseitern, an denen man in dieser Vorrunde verzweifelte, könnte Deutschland lernen, wie kleinerer Fußball den Großen wehtut. Eine schöne Erkenntnis ist das nicht. Aber die einzige, die der Realität standhält.
Zum Schluss noch das
Eine bittere Pointe hält dieser Abend dann doch bereit, und sie betrifft ausgerechnet die letzte deutsche Gewissheit. Jahrzehntelang galt im Weltfußball als Naturgesetz: Kommt es mit Deutschland zum Elfmeterschießen, hat Deutschland schon gewonnen. Bei Weltmeisterschaften hatte die DFB-Elf noch nie eines verloren – ein Mythos, fast so robust wie der Glaube an pünktliche Züge. Gestern in Boston ist auch dieser Mythos gefallen: Havertz, Woltemade, Tah – verschossen. Wenn selbst die Nervenstärke vom Punkt nicht mehr verlässlich ist, dann hat dieser Umbruch wirklich jede Ecke des deutschen Fußballs erreicht.
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
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