Nachrichten VogtlandKatharina Greve: “Wenn die Idee nicht freiwillig parat steht, hilft es mir, loszulassen.”

Mit feinem Humor, scharfem Blick und pointierten Geschichten gehört Katharina Greve zu den bekanntesten Comic-Künstlerinnen Deutschlands. Anlässlich ihrer Sonderausstellung „Ups!“ in der Galerie e.o.plauen ist die Zeichnerin und Autorin am 22. Juli um 17 Uhr zu Gast. Mit einer Lesung und einem anschließenden Gesprächs stellt sie ihr Buch Meine Geschichten von Mutter und Tochter vor – eine augenzwinkernde Hommage an Erich Ohsers berühmten Klassiker Vater und Sohn.

1972 in Hamburg geboren, fand sie in Form eines Architekturstudiums ihren Weg nach Berlin. Zwei Dinge waren nach ihrem Diplom schnell klar: Berlin ist ihre Wahlheimat geworden und statt Häusern wollte sie doch lieber Geschichten eine Form geben. Seitdem veröffentlichte Katharina Greve in kontinuierlich witziger Manier mehrere Comic-Bände und unzählige Karikaturen in Zeitschriften wie „Titanic“, „Das Magazin“, „neues deutschland“, „Süddeutsche Zeitung“, „taz“ und der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

Werbung

Banner Admiral Nürnberg

Im Interview verrät sie etwas mehr über sich selbst und die Motivation hinter ihrer Arbeit:

Sie haben einmal Architektur studiert und zeichnen heute Geschichten statt Häuser. Wann haben Sie gemerkt: Das ist mein eigentlicher Beruf?

Als ich verstand, dass ich mich als Architektin an Naturgesetze halten muss, war mir klar, dass das nicht mein Job ist. Im Comic und im Cartoon dagegen kann ich Gravitation und Energieerhaltungssatz einfach ignorieren. Meine allererstes Comic-Buch „Ein Mann geht an die Decke“ spielt im Berliner Fernsehturm und wurde in der Architektur-Fachzeitschrift Bauwelt rezensiert. Der Artikel schließt mit einem schönen Halbsatz ab: „… dass es nicht immer ein Unglück sein muss, wenn sich eine Architektin gegen ihren erlernten Beruf entscheidet.“ Ich habe also alles richtig gemacht.

Gibt es etwas aus der Architektur, das Sie bis heute bei Comics begleitet?

Zum einen die klare Linie, der man das jahrelange Training im technischen Zeichnen ansieht. Zum anderen mag ich sehr aufgeräumte Bilder. Nach dem klassischen Architektur-Motto „less is more“ lasse ich dafür alles weg, was mir überflüssig und ablenkend erscheint. Das ist zum einen eine ästhetische Entscheidung, zum anderen bin ich aber auch einfach eine sehr faule Zeichnerin.

Wann wussten Sie zum ersten Mal: Ich kann Menschen mit meinen Zeichnungen zum Lachen bringen?

In der Tat habe ich bereits für unsere Schülerzeitung Cartoons und Comics gezeichnet. Die ein oder andere Zeichnung finde ich sogar heute noch ganz lustig. Zwischen dem letzten Cartoon aus Schulzeiten und dem ersten, den ich an die Satirezeitschrift Titanic geschickt habe, liegen dann aber satte 13 Jahre.

Ihre Cartoons sind oft witzig, manchmal scharf beobachtet und gelegentlich ziemlich unbequem. Was macht für Sie guten Humor aus?

Das kommt auf den Kontext an. Wenn ich Comics oder Cartoons zu „weichen“ Alltagsthemen zeichne, ist mir Empathie wichtig. Ich möchte lieber gemeinsam lachen, als über andere. Wenn es aber politischer wird, wird manchmal auch mein Ton rauer, da mich einige Dinge wirklich wütend machen. Aber auch in diesem Genre ist mir wichtig, auf Systeme, Rollenbilder, Klischees oder Machtmissbrauch zu zielen – doch nicht die Würde des einzelnen Menschen.

Wo finden Sie Ihre Ideen? Entstehen sie aus Alltagsbeobachtungen oder suchen Sie bewusst nach Themen?

Teils, teils. Natürlich sammle ich alles ein, was mir begegnet und komisch erscheint. Ich habe stapelweise Notizbücher, gefüllt mit schrägen Alltagsszenen, wilden Assoziationen, albernen Wortspielen und seltsamen Träumen. Ein guter Ideen-Steinbruch, in dem ich gern schürfe! Aber wenn ich politisch zeichne, suche ich mir gezielt Themen heraus, die aktuell sind und mich persönlich berühren, wie soziale Ungerechtigkeit, Klimawandel oder die noch immer nicht erreichte Gleichberechtigung der Geschlechter.

Gibt es Momente, in denen Ihnen einfach nichts einfällt? Wie kommen Sie aus solchen Phasen wieder heraus?

Wenn die Idee nicht freiwillig parat steht, hilft es mir, loszulassen. Das funktioniert am besten beim Spazierengehen, Dösen oder Duschen – je nach Tageszeit und Wetterlage. Dann haben die Gedankenschnipsel im Kopf Zeit, sich neu miteinander zu verknüpfen. Im optimalen Falle entsteht daraus ein frischer Witz.

Was war die Inspiration für Mutter & Tochter?

Natürlich waren es „Vater und Sohn“ von e.o.plauen! Die beiden sind für mich eine frühkindliche Erinnerung. Ich fand es toll, dass ich die Geschichten lesen konnte, bevor ich lesen konnte! Und ihre Art, mit Missgeschicken umzugehen, hat mich wirklich überzeugt. Aus dem Tintenfleck auf dem Teppich machen die beiden ein elegantes Tiermuster – Heimtextil und Haussegen sind gerettet! Wahrscheinlich wäre ich bei meinen Eltern damit nicht durchgekommen, doch die Idee war super. Nachdem ich mit dem Comic-Strip „Die dicke Prinzessin Petronia“ in der Zeitschrift Das Magazin ein weibliches und modernes Pendent zum Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry geschaffen hatte, war es einfach an der Zeit, einen weiteren Klassiker aus meiner Kindheit neu zu beleben. „Vater und Sohn“ drängte sich da geradezu auf. Wichtig war mir dabei, dass mein Mutter-und-Tochter-Duo unter relativ realistischen Bedingungen in unserer aktuellen Welt lebt: Es gibt Smartphones, Inlineskates, und Elektronik-Märkte. Die Mutter ist alleinerziehend, ergo knapp bei Kasse. Und natürlich schlägt sie ihre Tochter nicht! Viele der Gags der Vater-und-Sohn-Comics basieren darauf, dass in den 1930er Jahren die Prügelstrafe vollkommen normal war.

Haben Sie eine Lieblingsgeschichte aus dem Band – und warum gerade diese?

Nein, DIE Lieblingsgeschichte gibt es nicht. Aber einen Running Gag, der sich durch mehrere Geschichten zieht, habe ich besonders gern: die Waschmaschine als TV-Ersatz. Ausgangspunkt war die Kindheitserinnerung, dass ich selbst richtig gern Waschmaschine geguckt habe. Als Erwachsene kann ich mich noch an diese Faszination erinnern, sie aber nicht mehr so ganz nachvollziehen. Damit war schon mal der Grundkonflikt zwischen Klein und Groß gesetzt: Die Tochter tut alles für ein wenig Waschmaschinenzeit, die Mutter ist verständnislos. Dann akzeptiert die Mutter die Vorliebe der Tochter, schließlich teilt sie sie sogar. Irgendwie ist das auch eine Aussöhnung zwischen meinem Kinder- und meinem Erwachsenen-Ich, wenn ich so darüber nachdenke.

Nachrichten Vogtland
Comic: K. Greve

Was erwartet das Publikum am 22. Julie 2026 in der Galerie e.o.plauen?

Es wird eine Mutter-und-Tochter-Lesung geben und danach eine Comic-Plauderei mit der Leiterin des Museums und der Galerie, Sarah Kühnel – Publikumsfragen sind absolut erwünscht! Und wenn sich jetzt jemand fragt, wie man wortlose Bildgeschichten vorliest: Ich mache Geräusche. Ich habe eine ganze Tasche voll echter, analoger Dinge dabei, mit denen ich live klappern, blubbern und piepsen werde, vom Teller bis zur Blockflöte.

Worüber können Sie selbst herzlich lachen?

Über meine eigenen Missgeschicke, wenn ich zum Beispiel die Gravitation in der realen Welt unterschätze.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ende Juni haben wir eine recht große Werkschau mit meinen Arbeiten im Caricatura Museum Frankfurt a. M. eröffnet unter dem Titel „Qualitätsideen seit 1972“. Dieses Projekt hat mich die letzten Monate wirklich auf Trab gehalten. Darum gönne ich mir gerade den unglaublichen Luxus, neben den laufenden Arbeiten wie Karikaturen für die Süddeutsche Zeitung oder „Prinzessin Petronia“ für Das Magazin NICHTS zu tun. Wie es dann weitergeht, werde ich mir im Herbst überlegen.

Wenn Ihre “Mutter und Tochter” heute Erich Ohsers “Vater und Sohn” begegnen würden – was glauben Sie, würde passieren?

Werbung

Mutter und Tochter holen den Sohn im Pflegeheim ab. Er ist jetzt weit über 90 und schon ein wenig tattrig. Zusammen besuchen sie das Grab des Vaters. Erst schwelgt der Sohn in Kindheitserinnerungen, dann wird er plötzlich sehr, sehr traurig. Um ihn zu trösten und abzulenken, laden Mutter und Tochter ihn zu sich nach Hause ein. Gemeinsam gucken die drei Waschmaschine und essen Popcorn.

Nachgefragt bei…Katharina Greve
Lieblingsessen: Spaghettieis
Lieblingsmusik: „Ice Ice Baby“ von Vanilla Ice
Lieblingswort: Eisdiele
Lieblingsort: Spaghettieis-Presse
Lieblingsmoment: Wenn das Spaghettieis serviert wird.
Nachrichten Vogtland
+ posts

Seit fast zwei Jahrzehnten die neutrale Stimme im Vogtland. Mit Leidenschaft und Nähe zu Menschen und Themen, auch weit über die Region hinaus. Nah am Puls der Zeit. Und stets mit dem Anspruch, Politik zu lesen, Kunst und Kultur näher zu bringen und am Schleizer Dreieck nicht vom Bike zu fallen.

Werbung

Vogtland Shop