Das Spiel um den dritten Platz ist der undankbarste Termin des Weltfußballs, die einzige Partie, von der als Kind niemand träumt. Zwei Mannschaften, die sich vor achtundvierzig Stunden noch im Finale am Sonntag sahen, schlurfen heute Abend in die Hitze von Miami, um eine Medaille auszuspielen, die daheim Staub ansetzt. England und Frankreich, beide frisch von Spanien und Argentinien aus dem Turnier geworfen, treffen sich also zu dem, was man liebevoll das Endspiel der Verlierer nennen könnte. Und doch, wer genauer hinsieht, entdeckt selbst in diesem Waisenkind von Spiel seine kleinen Dramen.
Die beiden kommen als angeschlagene Riesen, die auf exakt entgegengesetzte Weise gescheitert sind. Frankreich reiste als kalte Effizienzmaschine an, sechs Siege, sechzehn Tore, und wurde dann ausgerechnet selbst überspielt: Spanien kontrollierte das Spiel so, dass Kylian Mbappé, der gefährlichste Stürmer des Planeten, das Halbfinale mit den wenigsten Ballkontakten aller zweiundzwanzig Spieler beendete. England kam von der anderen Seite, ganz Kampf, Standards und Bellingham, das Team, das hässlich gewinnt – bis gegen Argentinien das Hässliche versiegte und Kane und Bellingham, zusammen zwölf Turniertore, gemeinsam einen einzigen Torschuss zustande brachten. Der eine war zu passiv, der andere zu stumpf. Irgendwo zwischen diesen beiden Niederlagen läge ein völlig anständiges Finale – nur wird es leider am Sonntag von zwei anderen gespielt.
Trotzdem gibt es Gründe, den Fernseher anzuschalten, und der schönste heißt Torjägerrangliste. Messi und Mbappé stehen beide bei acht Treffern, wobei Messi nach seiner Vorlagen-Gala im Halbfinale knapp vorn liegt. Und jetzt kommt der Clou: Das Spiel um Platz drei zählt für die Wertung. Mbappé spielt heute, Messi erst morgen – für einen Nachmittag in Miami liegt die Kanone also allein in den Füßen des Franzosen, seine letzte Chance, sich abzusetzen, ehe Messi im Finale antworten kann. Und lauernd im Hintergrund steht Harry Kane bei sechs Toren, immerhin Torschützenkönig von 2018, nah genug dran, um es spannend zu machen, falls Frankreich eine Tür offen lässt. Ein Trostspiel mit einer persönlichen Trophäe auf dem Tisch ist plötzlich gar kein so großer Trost mehr.
Dazu kommt Geschichte. Als sich diese beiden zuletzt bei einer WM begegneten, im Viertelfinale 2022, gewann Frankreich mit 2:1 – und Harry Kane jagte den späten Ausgleichselfmeter derart weit über die Latte, dass er beinahe im Oberrang einschlug. England nähme selbst eine bronzefarbene Revanche. Nur verstehen sich die Three Lions mit ausgerechnet diesem Spiel nicht besonders gut. Zweimal haben sie schon um Platz drei gespielt, 1990 gegen Italien und 2018 gegen Belgien, und zweimal haben sie verloren. Die Nation, die 1966 das ganze Ding gewann, hat das kleine bronzene Trostpflaster noch nie geholt. Frankreich dagegen trat zweimal zu diesem Match an und gewann beide Male – 1958 und 1986 wurde es jeweils Dritter. Wenn Form im ungeliebten Spiel irgendetwas bedeutet, trägt das kluge Geld Blau.
Über allem aber liegt ein Abschied. Es ist Didier Deschamps’ letztes Spiel als Trainer Frankreichs, das Ende von vierzehn Jahren. Er ist einer von nur drei Menschen, die den WM-Pokal als Kapitän und als Trainer in die Höhe stemmten, und nun schließt sich seine Ära nicht mit einem Endspiel, sondern mit der Partie, die niemand will – einem Bronze-Duell im Backofen von Florida. Es passt beinahe zu perfekt zu einem Mann, den man nie für Glanz liebte, sondern nur für Ergebnisse: Selbst sein Abgang weigert sich, ein Galaabend zu sein. Man darf trotzdem darauf wetten, dass er seine Elf auf Sieg einstellt, denn anders zu gehen hat Deschamps schlicht nie gelernt.
Gespielt werden muss also. Einer bekommt eine Medaille, Miami wird seine übliche Saunanummer abziehen – England kennt diesen Ofen schon, hier quälte es sich gegen Norwegen durch die Verlängerung – und neunzig Minuten lang werden zwei gebrochene Mannschaften so tun, als wären sie genau dort, wo sie hinwollten. Schön, so glaubt man, wird das nicht. Aber das Spiel um Platz drei hat die komische Angewohnheit, mehr herzugeben, als es verspricht.
Zum Schluss noch das
Wer einen Beweis dafür sucht, dass dieses Waisenkind von Spiel Unsterblichkeit gebären kann, muss nur bis 1958 zurückspulen. Im Spiel um Platz drei jener Weltmeisterschaft zerlegte Frankreich die deutsche Elf mit 6:3, und ein Stürmer namens Just Fontaine bediente sich dabei gleich viermal – womit er seine Turnierbilanz auf sagenhafte dreizehn Tore schraubte. Dreizehn Treffer bei einer einzigen Weltmeisterschaft, ein Rekord, der seit achtundsechzig Jahren steht und im Zeitalter dichter Abwehrreihen wohl für immer stehen wird. Mbappé und Messi, die zwei Männer, die sich in diesem Sommer um die Torjägerkanone balgen, hängen bei acht fest. Irgendwo lächelt Just Fontaine in sich hinein. Das Spiel, das keiner spielen will, hat einmal die Zahl hervorgebracht, die keiner erreichen kann.
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
Ballflachstreicher | 18 Juli 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Das Spiel, das keiner spielen will.
