Man kann der deutschen Nationalmannschaft derzeit vieles vorwerfen, nur keinen Mangel an Dramaturgie. Wer nach zwei Minuten 1:0 führt und am Ende 1:2 verliert, beherrscht dies Kunst, die man nicht lernen kann. Leroy Sané traf gegen Ecuador praktisch mit dem Anpfiff (2.), und für einen kurzen Moment sah alles nach dem zwölften Pflichtsieg in Folge aus.
Sieben Minuten später glich Nilson Angulo aus, in der 78. Minute drückte Gonzalo Plata den Ball zum 2:1 für Ecuador über die Linie, und die Serie war Geschichte. Bevor jetzt jemand die Trauerbeflaggung anordnet: Es war vollkommen folgenlos. Deutschland stand längst als Gruppensieger fest, der Einzug in die K.-o.-Runde war nie in Gefahr, in der Tabelle ändert dieses 1:2 exakt gar nichts. Man hat, sportlich gesehen, das einzige Spiel verloren, das man sich leisten konnte – fast schon eine logistische Meisterleistung.
Trotzdem taugt der Abend nicht zum reinen Achselzucken, und das liegt am Gegner. Für Ecuador ging es um alles: Nur ein Sieg, nur diese drei Punkte zu insgesamt vier, hielt die Hoffnung aufs Weiterkommen am Leben – und so rannten die Südamerikaner von der ersten Minute an um ihr Fußballerleben. Ausgerechnet an solchen Gegnern zeigt sich Deutschlands Dauerproblem. Julian Nagelsmann hatte gar nicht groß rotiert, nur David Raum und Antonio Rüdiger kamen neu in die Startelf, der Rest war die erste Garde – und diese erste Garde brachte es wieder nicht fertig, einen schnellen, mit hohem Druck anlaufenden Gegner sauber zu kontrollieren, ihn durch konsequente, aggressive Defensivarbeit zu beruhigen und das Spiel von hinten heraus an sich zu reißen. Ecuador musste dafür nicht überragend sein; Tempo, Gegenpressing und der nackte Wille des Verzweifelten genügten. Und schon stand die deutsche Abwehr wieder da wie eine Drehtür mit Aussicht.
Das eigentlich Lehrreiche liefert aber der Blick auf die ganze Gruppe E – jene Ansammlung von Gegnern, über die der deutsche Fan vor drei Wochen noch milde gelächelt hat. Curaçao, der kleinste Teilnehmer aller Zeiten, traf im Auftaktspiel. Die Elfenbeinküste lag zwischenzeitlich vorn und war dem Ausgleich näher als Deutschland dem zweiten Tor. Und Ecuador gewann am Ende sogar. Das sollte einem zu denken geben, bevor in der K.-o.-Runde Gegner mit deutlich härteren Bandagen warten.
Vielleicht ist eine folgenlose Niederlage aber genau das richtige Weckmittel zum richtigen Zeitpunkt. Lieber jetzt ein Dämpfer, der nichts kostet, als in zwei Wochen einer, der alles kostet. Nagelsmann hat seine Mannschaft durch die Vorrunde gebracht, als Erster sogar – nun hat er eine Woche Zeit, ihr beizubringen, dass sich dieser Offensive vermutlich noch das eine oder andere K.-o.-Spiel gewinnen lässt, das Sechzehntel-, womöglich auch das Achtelfinale. Doch je weiter es geht, desto gnadenloser wird bestraft, was hinten passiert.
Komplettiert wurde die Gruppe vom Sieg der Elfenbeinküste, die Curaçao durch einen Doppelpack von Nicolas Pépé mit 2:0 besiegte und sich damit Platz zwei hinter Deutschland sicherte. Ecuador zieht wohl dank des Coups gegen die Deutschen als Dritter ebenfalls weiter, während für Curaçao nach der Vorrunde Schluss ist.
Zum Schluss noch das
Curaçao reist nach Hause, und kaum eine Geschichte dieses Turniers ist schöner als die seines Trainers. Dick Advocaat, inzwischen 78, hatte sein Amt im Februar eigentlich niedergelegt, um sich um seine erkrankte Tochter zu kümmern. Sein Nachfolger Fred Rutten warf nur einen Monat später hin, kurz vor dem Turnier – woraufhin Advocaat, dessen Tochter es besser ging, kurzerhand zurückkehrte und mit der kleinsten je qualifizierten Nation zur WM fuhr. Mit 78 Jahren wurde er dort zum ältesten Cheftrainer der WM-Geschichte und löste Otto Rehhagel ab. Eine halbe Million Einwohner, ein historischer Punkt gegen Ecuador und ein Trainer, der erst aufhörte, dann zurückkam und am Ende doch in Würde abtrat – manche verlieren in der Vorrunde und gewinnen trotzdem das, worauf es ankommt: eine richtig gute Geschichte.
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
Ballflachstreicher | 26 Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Gruppensieger mit Wackelkontakt.
