WM KolumneBallflachstreicher | 22 Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | ¡España explota!

Belgien wollte unbedingt gewinnen und schaffte es wieder nicht. Gegen den Iran reichte es nur zu einem 0:0 – und das ist, zwei Spieltage und null Siege später, für einen Mitfavoriten schon fast ein Hilferuf. Die Rote Karte für Nathan Ngoy (67.) machte die belgische Sache nicht leichter, doch ehrlich gesagt sah es auch in Gleichzahl nicht so aus, als würde dieser Mannschaft noch ein Tor gelingen, wenn man sie bis Mitternacht hätte weiterspielen lassen.

Der eigentliche Held des Abends von Los Angeles aber war der Gegner. Der Iran stellte mit einem Altersschnitt von 32,5 Jahren die älteste Startelf der WM-Geschichte auf den Platz – und ausgerechnet diese vermeintlichen Veteranen rannten, grätschten und verteidigten, als hätte ihnen niemand verraten, dass sie laut Geburtsurkunde längst zu alt dafür sind. Es war eine dieser kämpferischen, laufintensiven Vorstellungen, für die man den Außenseiter sofort ins Herz schließt: kein schöner Fußball, dafür einer mit Herzschlag. Belgien lief an, der Iran hielt dagegen, und am Ende durften die Älteren feiern, während die teuren Roten Teufel ratlos in den kalifornischen Nachthimmel blickten.

Wie man es auch anders machen kann, zeigte am selben Tag Spanien. Nach dem blamablen 0:0 gegen Kap Verde, das die heimische Presse als „sonrojo” und „fiasco” zerlegt hatte, legte die Furia Roja gegen Saudi-Arabien los wie die Feuerwehr: Lamine Yamal traf in der 10. Minute zu seinem ersten WM-Tor, Mikel Oyarzabal erhöhte mit einem Doppelschlag (21., 24.), und nach nicht einmal einer halben Stunde stand es 3:0. Danach schaltete Spanien in den Verwaltungsmodus, ein Eigentor besorgte später noch das 4:0.

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Die interessante Frage ist nur: Woher kam dieser Blitzstart? War es die wiedergefundene Spielfreude – oder schlicht die nackte Angst vor den Schlagzeilen von zu Hause? Eine Mannschaft, die eine Woche zuvor öffentlich für ein torloses Remis gegeißelt wurde, spielt die erste halbe Stunde womöglich weniger für den Trainer als gegen die eigene Boulevardpresse. Wie auch immer die Antwort lautet: Es ist bezeichnend, dass Spanien genau 30 Minuten brauchte, um seine Kritiker verstummen zu lassen, und die restlichen 60, um zu beweisen, dass es auch weiterhin gern den Fuß vom Gas nimmt.

Bleibt das dritte Spiel des Tages, und es gehört eigentlich in die Geschichtsbücher. Ecuador und Curaçao trennten sich 0:0 – ein torloses Remis, das für die kleinste je qualifizierte Nation den ersten WM-Punkt ihrer Geschichte bedeutet. Möglich machte ihn Torhüter Eloy Room, der mit sage und schreibe 15 Paraden einen Opta-Rekord für ein WM-Spiel ohne Verlängerung aufstellte. Nebenbei machte dieses Remis Deutschland endgültig zum Gruppensieger – die Karibikinsel hat also nicht nur sich selbst, sondern auch dem DFB einen Gefallen getan.

So bleibt nach diesem Spieltag die schöne Erkenntnis, dass diese WM ihre Außenseiter belohnt. Der Iran nimmt einem Mitfavoriten einen Punkt ab, Curaçao trotzt seinem ersten überhaupt ab, und die ganz Großen müssen sich strecken, um nicht zu stolpern. Spanien hat das verstanden – wenn auch vielleicht erst, nachdem es die heimischen Zeitungen gelesen hatte.

Zum Schluss noch das

Dass der Iran weiß, wie man mit Leidenschaft Fußball spielt, überrascht nur, wer das Teheraner Stadtderby nie gesehen hat. Wenn Persepolis auf Esteghlal trifft, füllt sich das Azadi-Stadion mit bis zu 120.000 Menschen; Anhänger reisen Hunderte Kilometer an und übernachten vor den Toren, nur um einen Platz zu ergattern. Es ist eines der größten und glühendsten Derbys der Welt – ein Spiel, das halbe Familien spaltet und ganze Stadtviertel in Rot oder Blau taucht. Erst seit Kurzem dürfen auch Frauen wieder ins Stadion: Im vergangenen Jahr erlebten erstmals seit Langem 3.000 von ihnen dieses Derby live mit. Wer in einer solchen Fußballkultur groß wird, dem muss man Kampfgeist nicht beibringen – der bringt ihn mit, erst recht mit 32,5 Jahren Altersschnitt.

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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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