Titelfoto & alle Fotos: Stephanie Rössel
Manchmal braucht es nur ein paar Schritte, um ein paar Jahrhunderte hinter sich zu lassen. Unten ist noch Selb. Oben auf dem Goldberg flackern Feuer zwischen den Bäumen, aus weißen Zelten fällt warmes Licht in die Dämmerung und irgendwo zwischen Dudelsack, Trommeln und Gitarren begegnen einem Ritter, Piraten, Fabelwesen und Menschen mit Hörnern. Willkommen beim Festival-Mediaval 2026.
Am Wochenende verwandelte sich der Goldberg zum 17. Mal in jene eigentümliche Parallelwelt, für die das Festival längst weit über Oberfranken hinaus bekannt ist. Seit 2008 findet es in Selb statt; die Veranstalter bezeichnen es inzwischen als Europas größtes Mittelalter- und Folk-Festival. Und vielleicht liegt das Geheimnis des Mediaval gerade darin, dass „Mittelalterfestival“ eigentlich eine viel zu kleine Schublade dafür ist.
Denn historisch streng geht es keineswegs zu. Und das will das Festival offenbar auch gar nicht sein. Da laufen aufwendig gewandete Mittelalterfans neben Menschen in Jeans. Düster wirkende Fantasiegestalten stehen am selben Stand wie Familien. Hörner wachsen aus Köpfen, Felle liegen über Schultern, hier blitzt eine Rüstung, dort schwingt ein langer Rock über den Weg. Ritter, Spielleute und Piraten bewegten sich neben ganz normal gekleideten Festivalbesuchern über das Gelände. Gerade dadurch wirkt das Festival erstaunlich ungezwungen. Niemand muss aussehen, als sei er gerade aus dem 13. Jahrhundert gefallen. Man darf einfach kommen – oder für drei Tage jemand ganz anderes sein. Und spätestens mit Einbruch der Dunkelheit beginnt der Goldberg seine stärkste Inszenierung ganz von allein.
Dann leuchten Zelte wie kleine Inseln zwischen den Bäumen. Feuerstellen werden zu Treffpunkten. Rot, Grün und Blau wandern über die Baumkronen, während sich über dem Gelände der Rauch verliert. Aus einer Richtung dringt Musik herüber, aus einer anderen Gelächter. Plötzlich sieht der vertraute Park aus, als hätte jemand die Realität ein wenig zur Seite geschoben.
„Legends“ bringt einige musikalische Highlights nach Selb
Das Festival stand diese Mal unter dem Motto „Legends“ – und dahinter steckt mehr als ein hübscher Festivalname. Mehrere der prägenden Bands der Mittelalter-, Folk- und Mittelalterrock-Szene versammelten sich. In Extremo spielen am Samstag eine eigens für das Festival konzipierte Show, die auf 30 Jahre Bandgeschichte zurückblickt. Faun feiern 25 Jahre, Subway to Sally holen ihr Album „Nord Nord Ost“ auf die Bühne zurück und Corvus Corax bringen „Cantus Buranus“ mit großem Orchester vor die Menge. Hinzu kamen unter anderem Mr. Hurley & die Pulveraffen, Celtica Pipes Rock, Saor Patrol, Steve’n’Seagulls, Flook, Cara und Estampie.
Trotzdem wäre es schade, das Festival-Mediaval auf sein Line-up zu reduzieren. Denn während auf den großen Bühnen Bands spielen, entwickelt das Gelände dazwischen sein eigenes Programm. Der Mittelaltermarkt gehört ebenso dazu wie historische Lager, Handwerk, Theater, Artistik und Kleinkunst. Es gibt Lesungen, Workshops und Mitmachangebote. Auf der Burgwiese werden beim Living Chess Menschen zu Schachfiguren, außerdem gehörten Feuerkunst und weitere Shows zum Wochenende.
Was es ausmacht? Ganz einfach: Nicht zu wissen, was hinter der nächsten Zeltplane wartet. An einem Stand hängen zu bleiben. Einer ungewöhnlichen Gestalt hinterherzusehen. Musik zu hören, ohne zu wissen, von welcher Bühne sie kommt. Sich ans Feuer zu setzen. Oder einfach eine Weile den Menschen zuzuschauen. Das Festival funktioniert deshalb auch für Besucher, die mit Mittelalterrock bislang ungefähr so viel anfangen konnten wie mit einer Thüringer Waldzither. Wobei man auch die lernen könnte: Workshops zu Drehleier, Dudelsack, Tin Whistle, Bodhrán und eben jener Waldzither gehörten tatsächlich zum Programm.
Zwischen Mittelalter und Fantasie gibt es erstaunlich viel Gegenwart
Vielleicht ist das überhaupt das Interessanteste am Festival-Mediaval. Es versucht nicht zwanghaft, die Vergangenheit originalgetreu nachzubauen. Stattdessen bedient es sich bei Geschichte, Musik, Mythologie, Fantasy und moderner Festivalkultur und erschafft daraus etwas Eigenes. Das Mittelalter bekommt elektrische Gitarren. Neben historischen Instrumenten stehen Verstärker. Zwischen Zelten und Holzständen ragen Lautsprecher in die Luft. Ein paar Meter vom Lagerfeuer entfernt beginnt die nächste Bühnenshow. Das dürfte historisch betrachtet einige Jahrhunderte durcheinanderbringen. Aber warum sollte man sich für ein Jahrhundert entscheiden, wenn man für ein Wochenende gleich mehrere haben kann…
Seit fast zwei Jahrzehnten die neutrale Stimme im Vogtland. Mit Leidenschaft und Nähe zu Menschen und Themen, auch weit über die Region hinaus. Nah am Puls der Zeit. Und stets mit dem Anspruch, Politik zu lesen, Kunst und Kultur näher zu bringen und am Schleizer Dreieck nicht vom Bike zu fallen.
Zwischen Hörnern, Feuer und Dudelsack: Das Festival Mediaval verwandelt Selb in eine andere Welt







































