Titelfoto: Anna Stocker
Mit seinem vierten Studioalbum „Gehts noch“ meldet sich Ansa Sauermann zurück. Der gebürtige Dresdner Singer-Songwriter, der heute in Wien lebt, hat sich in den vergangenen Jahren vom introspektiven Liedermacher zum reflektierenden Beobachter gesellschaftlicher Spannungen entwickelt. Seine Songs bewegen sich zwischen Indie, Rock und poetischer Klarheit und greifen Themen auf, die viele beschäftigen, aber nur wenige so zugänglich formulieren.
Nach Alben wie „Weisse Liebe“, „Trümmerlotte“ und zuletzt „Du kriegst was du brauchst“ schlägt Sauermann mit dem aktuellen Album nun eine neue Richtung ein: weg von der reinen Innenschau, hin zu einem Blick auf eine zunehmend polarisierte Welt.
Am kommenden Freitag, 27. März 2026, ist er gemeinsam mit seiner Band live im Malzhaus in Plauen zu erleben – ein Konzert, das die neuen Songs erstmals in voller Bandbesetzung auf die Bühne bringt. Ein bisschen mehr verrät er im Interview:
Du bist jetzt mit deinem vierten Studio-Album unterwegs – was fühlt sich heute anders an als beim ersten Release?“
Die Freude und der Nervenkitzel ist nach wie vor da! Klar ist man beim vierten Album sicherlich etwas abgeklärter, man kennt halt die Abläufe. Aber das berauschende und elektrisierende Gefühl, wenn deine Songs das Licht der Welt erblicken, ist genauso überwältigend wie beim ersten Album. Es steckt ja immer sehr viel Herzblut und Persönliches drin – diesmal sogar besonders. Da ist die Anspannung nochmal umso größer.
Der Titel ‚Gehts noch‘ klingt wie ein Vorwurf – an wen richtet er sich?
Es kann auch eine Frage sein. Oder eine Antwort auf das Chaos da draußen. Wenn du es als Vorwurf siehst, ist es aber genauso legitim. Für mich ist es all das gleichzeitig. Als unerträglich empfinde ich beispielsweise die Debattenkultur im Land. Es wird kaum noch zugehört, es wird ohne darüber nachzudenken scharf geschossen. In und aus allen Richtungen, vor allem online in den sozialen Medien. So kann das nicht funktionieren. Ich glaube es täte uns allen gut, mal einen Gang zurückzuschalten. Zuhören ist keine Niederlage. Und da spreche ich gar nicht so sehr von Politik. Da geht es um viel Grundsätzlicheres. Wir scheinen uns als Gesellschaft irgendwie wieder zurück in eine Ellenbogen-Recht-Des-Stärkeren Kultur zu entwickeln. Die Grenzen des Sagbaren haben sich dabei längst ins Unerträgliche verschoben. Über die vergangenen Jahre hat sich bei mir sehr viel angestaut, was jetzt mit diesem Album herausgeplatzt ist.
Hast du Angst, missverstanden zu werden, wenn du dich nicht eindeutig positionierst?
Überhaupt nicht. Wann und wo habe ich mich nicht eindeutig positioniert? Meine Standpunkte sind eigentlich ziemlich klar und unmissverständlich. Kommt halt auch darauf an, worum es geht. In seinem Buch „Gott Bewahre“ hat John Niven mal sehr schön formuliert, was auch mir oft durch den Kopf ging. Da ist Gott fuchsteufelswild, nachdem er von einem Angelurlaub wieder kommt und sieht, was in den derweil auf der Erde vergangenen 2000 Jahren alles passiert ist. Er hätte nie irgendwas von zehn Geboten erzählt. Klar, dass die Menschen da nicht durchsehen. Es hätte eh nur eines gegeben: „Seid lieb“. Er macht schlussendlich seinen ständig bekifften Sohn verantwortlich und schickt ihn zurück auf die Erde um für
Ordnung zu sorgen.
Was kann man auf dieser Tour erleben, was man auf Platte nicht hört?
Wir haben auf der Platte versucht die Energie einzufangen, die wir live im Trio auf die Bühne bringen. Da geht aber notgedrungen immer auch ein klein wenig verloren. Immerhin fehlen die Menschen im Publikum, die Stimmung und Atmosphäre. Bei den Konzerten bringen wir genau diese Energie wieder auf.
Zu dritt hat auch jedes Instrument sehr viel Platz, wir können alle Vollgas geben. In einer fünfköpfigen Band muss man einander schon mehr Platz lassen. Das hat einen ganz eigenen und charakteristischen Drive. Das beste Beispiel ist hier sicherlich das Nirvana Trio. Außerdem haben wir uns bei einigen Songs spezielle, neue Live-Versionen überlegt. Die gibt es so nirgendwo sonst zu hören.
Was sollen Leute fühlen, wenn sie nach dem Konzert nach Hause gehen?
Auf jeden Fall ein bisschen Leichtigkeit. Letztens in Hamburg hat jemand meine Musik als „Gute Laune Musik mit Hintertüren“ bezeichnet. Haha das fand ich toll. Bei den Nachrichten heutzutage neigt man schnell dazu schwarz zu sehen. Dabei ist bei Weitem nicht alles so düster, wie es manchmal wirkt. Ich bin gerade Vater geworden, das eröffnet ganz neue Perspektiven. Auch im Anspruchsdenken. Wofür lohnt es sich denn zu kämpfen, wenn nicht für die Liebe und das Leben. Ich will der Dauerempörung da draußen auch ein bisschen den Schaum vom Mund wischen.
Wie kamst du eigentlich zur Musik – wie hat alles angefangen?
Ich hatte als Kind Klavierunterricht bei einer sehr strengen russischen Klavierlehrerin. Dann habe ich angefangen auf Pappkisten und Kochtöpfen zu trommeln, Notenlesen war nicht so meins. Später habe ich dann Schlagzeug in einer Schülerband gespielt. So kam eins zum andern.
Welche Visionen hast du für die kommenden Jahre?
Ich werde weiter arbeiten, Musik machen eben, Touren und gleichzeitig so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie verbringen. Meine Frau ist auch Musikerin, wir werden so lange es geht alle gemeinsam wie ein kleiner Musikzirkus durch die Lande fahren. Mal mit Band wie jetzt, mal Solo wie im November. Dann kommen mir auch langsam die nächsten Ideen für neue Songs. Es gibt immer etwas zu tun.
Nachgefragt bei…Ansa Sauermann
| Lieblingsessen: Schnitzel |
| Lieblingsmusik: Indie-Rock |
| Lieblingswort: abgemacht |
| Lieblingsort: Wohnzimmer |
| Lieblingsmoment: Radiohead Konzert 2016 Lollapalooza Treptower Park Berlin |
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Ansa Sauermann: “Ich will der Dauerempörung da draußen auch ein bisschen den Schaum vom Mund wischen.”

