Es brauchte nur einen Treffer von Stephen Eustáquio, und mit ihm schreiben sich gleich zwei Geschichten. Kanada schlug Südafrika im ersten Sechzehntelfinale dieser WM mit 1:0 und steht damit zum ersten Mal überhaupt im Achtelfinale. Für die einen ist das ein historischer Aufbruch, für die anderen ein Abschied – und beide verdienen mehr als eine Ergebniszeile.
Beginnen wir mit denen, die gehen. Südafrika tritt die Heimreise an, und es lohnt sich, kurz innezuhalten, in welches Land diese Mannschaft zurückkehrt. Daheim ringt eine fragile Regierung der Nationalen Einheit um Stabilität, im Zentrum der Streit um die Landreform. Die Faktenlage dahinter ist eindeutig: Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende der Apartheid gehören noch immer rund 72 Prozent des Farmlands der weißen Minderheit, die nur etwa sieben Prozent der Bevölkerung stellt – ein Erbe kolonialer und rassistischer Enteignungsgesetze. Das neue Enteignungsgesetz soll diese Schieflage korrigieren, grundsätzlich gegen Entschädigung und entschädigungslos nur in eng begrenzten Ausnahmen; zwangsweise übernommen wurde bislang kein einziger Hof. Von außen setzt derweil ausgerechnet die US-Regierung das Kap unter Druck: Präsident Trump wirft Südafrika einen „Genozid” an weißen Farmern vor – eine Behauptung, der Statistik wie Fachleute klar widersprechen – und lädt das Land demonstrativ nicht zu seinem eigenen G20-Gipfel ein.
Umso schöner, dass dieses Team für ein paar Wochen genau das war, woran man sich in Südafrika so gern erinnert: ein Grund, an dem sich ein zerrissenes Land einig sein konnte. Es ist gerade einmal sechzehn Jahre her, dass dieses Land eine Weltmeisterschaft ausrichtete und der Welt vorführte, wie Fußball Gräben überbrücken kann. An dieses Versprechen knüpften die Bafana Bafana an – nicht mit Titeln, aber mit Haltung. Sie verlieren ihr Achtelfinal-Ticket denkbar knapp, und sie verlassen das Turnier so, wie man es ihnen wünscht: ohne Schande, mit erhobenem Kopf und einem ganzen Land im Rücken, das im Moment jeden guten Grund zum Zusammenhalten brauchen kann.
Auf der anderen Seite steht ein Gastgeber, für den dieser Abend ein kleines Erdbeben bedeutet. Fußball galt in Kanada lange als nettes Breitenphänomen, irgendwo in der langen Schlange hinter Eishockey, Football und Basketball. Doch das ändert sich gerade rasant: Die Interesse wächst, die kanadischen Klubs in der MLS ziehen inzwischen im Schnitt über 23.000 Zuschauer an, und nun steht das Land bei der eigenen Heim-WM erstmals im Achtelfinale. Man darf vermuten, dass dieser eine Treffer von Eustáquio mehr neue Fußballfans schafft als jede Werbekampagne des Verbandes.
Während sich an der Westküste also Geschichte ereignete, brachte der letzte Gruppenspieltag noch ein paar bemerkenswerte Schlussakkorde. Argentinien gewann trotz XXL-Rotation 3:1 gegen Jordanien – Edeljoker Lionel Messi traf natürlich –, und es war der 50. WM-Sieg der Albiceleste überhaupt. Portugal kam gegen ein starkes Kolumbien nur zu einem glücklichen 0:0 und musste den Gruppensieg den verdient erstplatzierten Südamerikanern überlassen. Und in der vielleicht wildesten Partie des Tages rettete Sasa Kalajdzic Österreich mit dem Treffer zum 3:3 gegen Algerien vor dem Aus. Die K.-o.-Runde nimmt Fahrt auf, und sie verspricht, genau das zu liefern, wofür man Turniere liebt: keine zweiten Chancen mehr.
Zum Schluss noch das
Wenn Südafrika nun die Koffer packt, sei ihm eines mit auf den Weg gegeben: die Vuvuzela. Jenes meterlange Plastikhorn, das bei der Heim-WM 2010 die Stadien in einen einzigen, ohrenbetäubenden Bienenschwarm verwandelte und die halbe Fußballwelt zur Verzweiflung trieb – Spieler beschwerten sich, Übertragungssender bastelten an Spezialfiltern, und am Ende gewöhnte man sich doch daran. Kein Land hat dem Fußball je ein lauteres Geräusch geschenkt. Und so tröstlich es für die Gegner gewesen sein mag, dass die Vuvuzela diesmal nicht im Dauereinsatz war: Ein bisschen leiser wird dieses Turnier ohne Südafrika trotzdem. Gute Heimreise, Bafana Bafana – und bitte das Horn nicht vergessen.
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
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