Es dauerte bis tief in die Nachspielzeit, ehe sich Deutschlands Überlegenheit gegen die Elfenbeinküste endlich in einem Sieg niederschlug. 2:1, der elfte Pflichtsieg in Folge, zwei Siege aus zwei Spielen, vorzeitig im Sechzehntelfinale – auf dem Papier liest sich das wie der Beginn eines neuen Sommermärchens. Wer zugeschaut hat, sah ein Team, das ein Spiel klar beherrschte und es trotzdem beinahe verschenkt hätte.
Dabei hatte Deutschland mit rund 60 Prozent Ballbesitz zwar klar mehr vom Spiel und versuchte vor allem in der ersten Halbzeit mit geduldigem, klugem Angriffsspiel, die tief und kompakt stehende Elfenbeinküste auseinanderzuziehen – Möglichkeiten entstanden dabei durchaus. Die größere Gefahr aber ging über weite Strecken von den Ivorern aus, und so brachte Franck Kessié sie verdientermaßen in Führung. Erst ein Dreifachwechsel von Julian Nagelsmann drehte die Partie: Joker Deniz Undav glich aus (68.) und traf in der Nachspielzeit erneut zum 2:1.
Das eigentliche Sorgenkind aber bleibt die Abwehr, und sie lieferte wieder reichlich Stoff zum Zittern. Denn so viel Deutschland den Ball hatte, so brandgefährlich blieb die Elfenbeinküste bei ihren schnellen Gegenstößen – nicht umsonst lagen die Ivorer bei den Chancenwerten mit 1,2 zu 0,76 xGoals sogar vorn. Immer wieder waren die ivorischen Angreifer schlicht schneller und beweglicher als die deutschen Verteidiger, und mehr als einmal sah es aus, als fehle hinten ein Mann am Gegenspieler – obwohl faktisch genug Leute da waren. Gegen Tempo und Tiefe verteidigt diese Abwehr einfach schlecht: Das Stellungsspiel franst aus, die Zuordnung löst sich auf, und in den entstehenden Räume könnte man bequem einen Mannschaftsbus parken. So lief Deutschland über weite Strecken Gefahr, dieses Spiel noch zu verlieren. An diesem Abend ging es gerade noch gut. Gegen Frankreich, Spanien und die anderen Gestzten, die noch mehr Qualität in das letzte Drittel bringen, wird genau hier die Rechnung präsentiert – und zwar ohne Rabatt.
Und doch muss man dieser Mannschaft eines lassen: Sie will. Sie zieht durch, sie gibt nicht auf, sie sucht den Weg – genau das, woran die deutschen Teams von 2018 und 2022 in Teilen gescheitert sind. Die heimische Presse fasste den Abend entsprechend zwiespältig zusammen: gewonnen ja, überzeugt eher nicht. Es ist die alte Geschichte einer Elf, die vorne genug Klasse hat, um jedes Spiel zu gewinnen, und hinten genug Wackelkandidaten, um jedes Spiel zu verlieren. Welche Hälfte sich durchsetzt, entscheidet sich erfahrungsgemäß erst in der K.-o.-Runde.
Während Deutschland sich also durchmühte, ging es anderswo deutlicher zu. Die Niederlande, vor wenigen Tagen noch von Japan geärgert, zerlegten ausgerechnet Schweden mit 5:1 – dieselben Schweden, die zum Auftakt Tunesien mit exakt diesem Ergebnis abgefertigt hatten. Marokko schlug Schottland 1:0 durch einen Treffer von Ismael Saibari schon nach 69 Sekunden, dem frühesten Tor des Turniers, Brasilien ließ Haiti beim 3:0 keine Chance, und die Türkei verabschiedete sich sang- und klanglos: Das 0:1 gegen Paraguay bedeutet faktisch das Aus. Null Punkte aus zwei Spielen, dafür zuletzt 30 Torschüsse ohne Ertrag gegen Australien – man darf das getrost als das ineffizienteste Scheitern dieser WM bezeichnen. Am bittersten ist die Bilanz aber akustisch: keine Siege, keine Tore, kein einziger Autokorso. Wo sonst nach türkischen Erfolgen eine halbe 3er-BMW-Vertigungslinie hupend durch die Innenstädte zieht, blieb es diesmal gespenstisch still – ein WM-Aus, das man glatt überhören konnte.
Zum Schluss noch das
Eine der skurrilsten Geschichten des ivorischen Fußballs dreht sich um eine unbezahlte Rechnung. Der Überlieferung nach engagierte der Sportminister der Elfenbeinküste vor dem gewonnenen Afrika-Cup 1992 traditionelle Geistheiler, um dem Team spirituell nachzuhelfen – und vergaß anschließend, sie zu bezahlen. Die Heiler sollen daraufhin einen Fluch verhängt haben, und tatsächlich lief über ein Jahrzehnt sportlich kaum noch etwas zusammen. Erst 2004 reiste eine Regierungsdelegation ins Dorf, beglich die alten Schulden samt Entschädigung und bat um Vergebung – woraufhin sich die Elfenbeinküste prompt erstmals für eine WM qualifizierte. Eine Methode, über die man nach dem Abwehrauftritt von Toronto fast ins Grübeln kommt. Falls der DFB also noch irgendwo eine offene Rechnung hat – jetzt wäre ein ausgezeichneter Zeitpunkt, sie zu begleichen.
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
Ballflachstreicher | 20 Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Ein Joker, ein Fluch und keine 3er-BMWs in den Innenstädten.
