Argentinien hat Österreich 2:0 geschlagen, und wer zusah, weiß nun, wie es sich anfühlt, von einem ausgesprochen höflichen Taschendieb ausgenommen zu werden: Am Ende fehlt einem alles, und trotzdem kann man dem Täter nicht böse sein. So leichtfüßig und selbstverständlich kontrolliert der amtierende Weltmeister ein Spiel, dass jedem anderen Titelkandidaten beim Zuschauen mulmig geworden sein dürfte. Das ist das eigentlich Unverschämte an dieser Mannschaft: Sie jagt der Konkurrenz Angst ein und wächst einem dabei trotzdem ans Herz.
Mittendrin, natürlich, Lionel Messi – auch wenn sein Abend mit einem Fehlschuss begann. In der 8. Minute verschoss er einen Elfmeter, was ihm im laufenden Spiel häufiger passiert; La Pulga Atómica menschelt manchmal, zumindest auf elf Meter. Den Rest des Abends verbrachte er damit, das wieder geradezurücken. Zum 1:0 schob er in der 38. Minute überlegt ein, und beim 2:0 zeigte er jene sture Gier, die große Stürmer von guten unterscheidet: erst ein von Danso geblockter Nachschuss, dann, im Gewühl, der zweite Versuch gegen vier Österreicher doch noch über die Linie. Mit 17 WM-Toren ist er nun alleiniger Rekordtorschütze der Turniergeschichte – Miroslav Klose darf den Thron räumen.
Doch eine reine Messi-Hymne würde dieser Mannschaft nicht gerecht, denn das eigentliche Phänomen ist, wie wenig Aufhebens diese Argentinier um ihre eigene Klasse machen. Österreich wurde nicht niedergewalzt, sondern höflich beschäftigt – mitspielen lassen, ja, aber stets an der kurzen Leine. Und das Schönste daran: Da ist keine Arroganz, keine aufgesetzte Geste, kein Theaterdonner. Keiner dieser Weltklassespieler reckt nach einem gelungenen Pass die Arme, als hätte er den Frieden ausgehandelt. Sie spielen großartig und benehmen sich dabei wie eine Werkself, die einfach gern zusammen kickt. Es ist, kurz gesagt, der freundlichste Spitzenfußball, den dieses Turnier zu bieten hat.
Vielleicht muss man dafür wissen, woher dieser Fußball kommt. In kaum einem Land ist das Spiel so tief in den Alltag eingewoben wie in Argentinien. Hier wird spät gegessen, spät gefeiert und vor allem leidenschaftlich gestritten – über Aufstellungen, über Schiedsrichter, über die ewige Frage, wer der Größte sei. Das Derby zwischen Boca Juniors und River Plate gilt als eines der hitzigsten der Welt, ein Spiel, bei dem ein ganzes Land den Atem anhält. Und als die Selección 2022 den Titel holte, strömten Millionen auf die Straßen von Buenos Aires – eine Menschenmenge, so gewaltig, dass die Spieler am Ende per Hubschrauber über sie hinwegfliegen mussten. Wer so liebt, der spielt auch so: mit Ernst, aber ohne Verbissenheit, mit Vertrauen auf die eigene Stärke, aber ohne Hochmut.
Während Argentinien also seine Pflicht erledigte, hielt der Tag noch zwei schöne Nebengeschichten bereit. Kap Verde, der Schreck der Großen, trotzte nach dem Remis gegen Spanien auch Uruguay ein 2:2 ab und hat mit zwei Punkten plötzlich realistische Achtelfinalchancen – eine verrückte Geschichte für ein Land mit einer halben Million Einwohnern. Und Ägypten feierte beim 3:1 gegen Neuseeland seinen ersten WM-Sieg überhaupt, getragen von einem überragenden Mohamed Salah, der das Spiel nach der Pause im Alleingang drehte. Auch das gehört zu den Geschenken dieses Turniers: dass die Kleinen wachsen und die ewig Wartenden endlich jubeln dürfen.
Am Ende aber gehört dieser Tag den Argentiniern – nicht nur, weil sie gewonnen haben, sondern weil sie vorführen, dass man auch im durchökonomisierten Weltfußball noch mit Eleganz, Tempo und einem Lächeln gewinnen kann. Es ist ein bisschen wie früher, als man den Gegner noch besiegte, ohne ihn demütigen zu müssen.
Zum Schluss noch das
Dass Messi ausgerechnet an diesem 22. Juni zum alleinigen WM-Rekordtorschützen wurde, hat eine Pointe, die kein Drehbuch hätte erfinden können. In Argentinien gibt es nämlich die „Iglesia Maradoniana”, eine 1998 in Messis Geburtsstadt Rosario gegründete Fußball-Religion mit zehntausenden Anhängern, die Diego Maradona als „D10S” verehren, ihre Zeitrechnung mit seinem Geburtsjahr 1960 beginnen und seine Autobiografie als Heilige Schrift lesen. Der höchste Feiertag nach Maradonas Geburtstag ist – man ahnt es – das „maradonianische Osterfest” am 22. Juni, in Erinnerung an das legendäre Spiel gegen England 1986. Genau an diesem heiligen Datum überholte nun sein Erbe aus Rosario den letzten verbliebenen Rekord. Wer da nicht an höhere Mächte glauben mag, hat von argentinischem Fußball schlicht nichts verstanden. Man mag es gemerkt haben und man mag es mir nachsehen: “Vamos, vamos, Argentina” – ich bin Fan!
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
Ballflachstreicher | 22 Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Gott wohnt in Rosario.
