WM KolumneBallflachstreicher | 19 Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Was macht eigentlich Italien?

Zum dritten Mal nacheinander – nach 2018 und 2022 – findet eine Weltmeisterschaft ohne Italien statt. Für ein Land, das diesen Pokal viermal gewonnen hat, ist das keine Panne mehr, sondern ein Dauerzustand, und die Presse zelebriert ihn mit jener Opernhaftigkeit, die nur die italienische beherrscht. Die Gazzetta dello Sport sprach nach dem verlorenen Playoff-Finale von einer „Apokalypse”, die „weitergeht”. Tuttosport forderte schlicht: „Jetzt müssen alle rausfliegen!” Und der Corriere dello Sport brachte den Schmerz auf den bittersten Punkt: „Džeko fährt mit Bosnien zur WM – und wir nicht.”

Genau das ist die besondere Grausamkeit an Italiens Lage: Ausgeschieden ist man nicht an Brasilien oder Frankreich, sondern an Bosnien-Herzegowina, das den Azzurri im Elfmeterschießen den letzten Platz wegschnappte. Wem also drückt ein Tifoso eine WM lang die Daumen, wenn die eigene Mannschaft fehlt? Den argentinischen Enkeln italienischer Auswanderer vielleicht, ein paar romantischen Außenseitern sonst. Vor allem aber – da darf man ehrlich sein – drückt er die Daumen gegen jene, die ihm den Platz gestohlen haben. Und da hielt dieser Spieltag eine Nachricht bereit, die in Mailand und Rom für die Schadenfreude der Woche gesorgt haben dürfte.

Bosnien nämlich, der Italien-Bezwinger, bekam von der Schweiz die Rechnung präsentiert: 4:1. Es war ein merkwürdiges Spiel, das eigentlich erst in der Schlussviertelstunde stattfand. Lange war die Schweiz drückend überlegen, ohne sich daraus nennenswerte Chancen zu erarbeiten – bis der eingewechselte Johan Manzambi in der 74. Minute den Knoten löste und eine furiose Schweizer Party eröffnete. Ruben Vargas erhöhte in Überzahl, Manzambi traf erneut, dazwischen verkürzte Bosnien noch sehenswert durch Mahmic, ehe Granit Xhaka tief in der Nachspielzeit per Elfmeter zum 4:1 abschloss. Aus einem zähen Geduldsspiel wurde so in zwanzig Minuten ein Schützenfest – sehr zum Vergnügen aller Italiener, die zufällig eingeschaltet hatten.

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Das zweite Spiel des europäischen Abends taugte derweil kaum als Werbung für irgendetwas: Tschechien und Südafrika trennten sich 1:1, nachdem Michal Sadilek früh getroffen und ein später Handelfmeter den Südafrikanern den Punkt beschert hatte. Beide hatten schon ihr Auftaktspiel verloren, beiden hilft das Remis wenig – ein Unentschieden, das sich anfühlte wie ein gegenseitiges Achselzucken.

Bleibt die Frage, was ein Fußballland mit sich anfängt, das den Sommer auf dem Sofa verbringt. Die Antwort ist, zugegeben, beneidenswert italienisch: Man kocht, man streitet, man analysiert fremde Mannschaften mit der Inbrunst eines Bundestrainers und entdeckt plötzlich eine tiefe Zuneigung für Underdogs, deren Namen man vorige Woche noch nicht buchstabieren konnte. Ein Volk, das den Fußball so liebt, leidet auch ohne eigene Elf intensiver als andere mit. Nur eben vor dem Fernseher, mit einem Glas Rotwein und der festen Überzeugung, es selbst besser gemacht zu haben.

Zum Schluss noch das

Wer glaubt, Italiens Demütigung sei mit dem verpassten Playoff vollständig gewesen, hat die Rechnung ohne Gianni Infantino gemacht. Der FIFA-Präsident, selbst italienisch-schweizerischer Herkunft, konnte sich einen Spott nicht verkneifen und mutmaßte, vielleicht qualifiziere sich Italien ja, wenn man das Turnier demnächst auf 64 Mannschaften aufstocke. In Italien kam das so gut an, wie man es sich vorstellt: Sportminister Andrea Abodi kündigte umgehend ein „klärendes Gespräch” mit Infantino an. Ein Land, das eine WM verpasst, ist eine Tragödie. Ein Land, das deswegen den FIFA-Boss einbestellt, ist Italien.

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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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