Fünfundzwanzig Mal berührte Cristiano Ronaldo gegen die DR Kongo den Ball. Fünfundzwanzig. Ein durchschnittlicher Innenverteidiger schafft das in einer ruhigen Viertelstunde. Es war der Abend, an dem Portugals Superstar bei seiner rekordverdächtigen sechsten Weltmeisterschaft vor allem eines blieb: unsichtbar.
Dabei hatte alles geordnet begonnen. João Neves brachte die favorisierten Portugiesen schon in der 6. Minute in Führung, und es roch nach einem dieser Pflichtsiege, die man abhakt und vergisst. Doch die DR Kongo dachte nicht daran, das vorgesehene Drehbuch zu spielen. Tief gestaffelt, mutig und mit wachsendem Selbstvertrauen hielt sie dagegen, bis Yoane Wissa in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit der hochverdiente Ausgleich gelang – der erste WM-Punkt in der Geschichte des Landes. Portugal hatte den Ball, aber keine Idee. Ronaldo kam zweimal in aussichtsreiche Position und schoss zweimal vorbei. Mehr war da nicht.
Die Pointe des Tages aber lieferte ausgerechnet der Mann, an dem sich Ronaldo seit zwanzig Jahren misst. Während der Portugiese in Houston das Spielgerät suchte, schnürte Lionel Messi in Kansas City einen Dreierpack – in seinem 200. Länderspiel und auf den Tag genau zwanzig Jahre nach seinem WM-Debüt. Mit den drei Toren zum 3:0 gegen Algerien zog er als WM-Rekordtorschütze mit Miroslav Klose gleich. Zwei Legenden, derselbe WM-Tag, zwei vollkommen verschiedene Geschichten: Der eine schrieb sie, dem anderen lief sie davon.
Den schönsten Fußball des Tages aber gab es weder in Houston noch in Kansas City, sondern in Dallas. England und Kroatien lieferten in der Neuauflage des Halbfinals von 2018 ein Sechs-Tore-Spektakel, das England mit 4:2 für sich entschied – und das deutlicher war, als es das Ergebnis vermuten lässt. Harry Kane traf doppelt, Jude Bellingham und Marcus Rashford legten nach. Zwar taten die Kroaten, wofür sie berühmt sind, und glichen zweimal aus, einmal durch einen sehenswerten Distanzschuss von Baturina, einmal durch Musa kurz vor der Pause. Doch den Eindruck, dieses Spiel gewinnen zu können, vermittelten sie zu keinem Zeitpunkt. England beherrschte das Mittelfeld, ging in die Zweikämpfe, als hinge ein Titel daran, und fing die kroatischen Vorstöße meist schon an der Quelle ab. Souveräner kann man einen 4:2-Krimi kaum gewinnen.
Für Mitteleuropa gab es derweil Grund zum Jubeln. Österreich kehrte nach 28 Jahren auf die WM-Bühne zurück und schlug ein starkes Jordanien mit 3:1 – ein reichlich schmeichelhafter Sieg, den ein Sonntagsschuss von Romano Schmid einleitete und den Marko Arnautović erst per Handelfmeter in der 90.+12 endgültig sicherte (kein Druckfehler). Norwegen wiederum ließ Erling Haaland von der Kette: Beim 4:1 gegen einen tapferen Irak traf der Stürmer doppelt, wobei ihm das zweite Tor von einem irakischen Torwart-Blackout beinahe auf den Fuß gelegt wurde.
Am Ende dieses prall gefüllten Spieltags bleibt das alte Gesetz der großen Turniere: Die Namen auf den Trikots garantieren nichts, die Form des Tages alles.
Zum Schluss noch das
Die schönste Geste des Abends kam dann doch von Cristiano Ronaldo – nur eben nicht auf dem Rasen. Nachdem sein ewiger Rivale sich mit dem Dreierpack in die Rekordbücher gespielt hatte, verneigte sich der Portugiese öffentlich vor ihm und nannte Messi den Besten der Geschichte. Man stelle sich das vor: Am selben Tag, an dem der eine unsichtbar blieb und der andere die Welt verzückte, fand ausgerechnet der Stolzeste der Stolzen die Größe, dem anderen die Krone zu reichen.
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
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