Nachrichten Vogtland„Prima Facie“ am Theater Hof: Wenn die Gewissheit ins Wanken gerät

Eine Frau, ein Raum und ein Rechtssystem, dessen Regeln plötzlich eine andere Bedeutung bekommen: „Prima Facie“ am Theater Hof fordert Aufmerksamkeit – und die Bereitschaft, das eigene Urteil immer wieder zu überprüfen. Carolin Waltsgott trägt diesen Abend mit einem intensiven, körperlich fordernden Spiel.

Zunächst ist da diese Kühle. Tessa Ensler kennt ihr Handwerk. Als erfolgreiche Strafverteidigerin weiß sie, wie sich Aussagen hinterfragen und Gewissheiten erschüttern lassen. Sie vertraut auf ein System, in dem sie sich behauptet hat. Carolin Waltsgott gibt dieser Frau zu Beginn eine kontrollierte Haltung. Das schafft die Fallhöhe für alles, was folgt.

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Suzie Millers Ein-Personen-Stück erzählt von einer Juristin, die nach einem sexuellen Übergriff selbst auf die andere Seite des Verfahrens gerät. Was zuvor berufliches Werkzeug war, richtet sich nun gegen ihre eigene Erfahrung. In der Hofer Inszenierung von Jörn Bregenzer wird dieser Perspektivwechsel zum Zentrum eines Abends, der seine Fragen mit nach Hause gibt.

Denn mit Tessa verändert sich auch der Blick auf das zuvor Gehörte. Was bedeutet eine schlüssige Aussage? Was macht einen Menschen glaubwürdig? Und wie viel von einer Erfahrung lässt sich überhaupt in die Ordnung von Fragen und Antworten bringen?

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Carolin Waltsgott: Ein Solo unter körperlichem Einsatz

Waltsgott steigert sich aus der anfänglichen Kühle in eine zunehmend intensive Darstellung. Über rund zwei Stunden Spielzeit bleibt sie allein für die Geschichte, ihre Spannung und ihre wechselnden Perspektiven verantwortlich. Dabei ist sie unablässig aktiv. Sie rückt Scheinwerfer, kippt Requisiten, verändert ihre Spielumgebung.

Dieser körperliche Einsatz fällt auf. Man bekommt eine Ahnung davon, welche Kraft ein solcher Soloabend verlangt. Sprechen, handeln, den Raum verändern und dabei die Figur halten – Waltsgott muss die Spannung immer wieder aus sich selbst heraus erneuern.

Die Bewegung lässt sich dabei auch als Ausdruck einer wachsenden Unruhe lesen. Mit Tessas Gewissheiten gerät der Abend selbst in Bewegung. Die Frau, die zu Beginn ihren Platz im System zu kennen scheint, muss sich neu zu ihrer eigenen Geschichte verhalten. Waltsgotts intensive Darstellung macht diesen Prozess nachvollziehbar.

Im Hofer Rathaus wird das Abwägen zur Aufgabe

Gespielt wird im Großen Sitzungssaal des Hofer Rathauses. Dieser Aufführungsort gibt dem Stück einen passenden Rahmen. Ein Raum, der mit öffentlicher Verantwortung, geregelten Abläufen und Entscheidungen verbunden ist. Die eigentliche Arbeit des Abwägens setzt sich jedoch im Kopf fort. Immer wieder fordert das Stück dazu heraus, einen Gedanken noch einmal zu prüfen, eine andere Perspektive einzunehmen, die eigene Einschätzung zu hinterfragen.

Dabei lohnt es sich, die unterschiedlichen Ebenen auseinanderzuhalten. Tessas persönliche Erfahrung, die Möglichkeiten eines Gerichts, ein Geschehen zu rekonstruieren, und die Frage, ob eine juristische Entscheidung dem Erlebten gerecht werden kann. „Prima Facie“ bringt diese Ebenen schmerzhaft nah zusammen.

Ein Abend, der weiterarbeitet

Die Stärke dieser Aufführung liegt im Zusammenspiel von Carolin Waltsgotts darstellerischem Einsatz und einem Text, der das Denken immer wieder in Bewegung versetzt. Man wägt neu ab. Beleuchtet das Geschehen noch einmal von einer anderen Seite. Und merkt, wie wenig selbstverständlich manches Urteil ist, solange man selbst nicht davon betroffen ist.

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Weitere Vorstellungen: Im Großen Sitzungssaal des Hofer Rathauses stehen „Prima Facie“ am 31. Oktober, 20. und 27. November sowie am 5. Dezember 2026 jeweils um 19.30 Uhr auf dem Spielplan. Die Aufführung dauert etwa zwei Stunden und 20 Minuten einschließlich Pause. Informationen und Karten unter www.theater-hof.de.

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Seit zwei Jahrzehnten journalistisch unterwegs – mit offenen Ohren, kritischem Blick und Freude an Sprache. Im Vogtland verwurzelt, weit darüber hinaus neugierig. Ihr Fokus liegt auf Kunst und Kultur sowie den Menschen dahinter. Unvoreingenommen im Gespräch, differenziert im Urteil, mit Gespür für Zwischentöne und der Freude daran, andere für Neues zu begeistern.

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