Ich kenne inzwischen Straßen, von deren Existenz ich vor wenigen Wochen noch nichts wusste. Kleine Verbindungswege, hübsche Dorfstraßen, abgelegene Ecken. Unter anderen Umständen würde ich sagen: schön, die Umgebung neu zu entdecken. Im Moment würde ich allerdings gern einfach nur ankommen.
Denn gefühlt ist gerade überall Baustelle. Im Vogtland, in Leipzig, auf dem Weg in die Nachbarlandkreise, zwischen Orten und mitten in Städten. Kaum hat man sich eine Ausweichstrecke eingeprägt, steht dort das nächste Sperrschild. Die Umleitung hat eine Umleitung. Und die ist offenbar gerade in Vorbereitung.
Natürlich müssen Straßen gemacht werden. Wer regelmäßig durch Schlaglöcher fährt, wünscht sich schließlich auch keine dauerhafte Sammlung regionaler Fahrbahnschäden. Brücken müssen sicher sein, Leitungen erneuert und kaputte Fahrbahnen saniert werden. Darüber brauchen wir nicht zu diskutieren.
Mir ist auch klar, dass sich solche Arbeiten nicht allein danach richten können, wann ich gerade zum nächsten Termin möchte. Da spielen Bauabläufe, verfügbare Firmen und vermutlich auch Fördermittel und Fristen eine Rolle. Trotzdem bleibt eine ziemlich einfache Frage: Wer schaut eigentlich darauf, wie das alles zusammenpasst?
Ist diese Umleitung eigentlich schon mal jemand gefahren?
In den vergangenen Wochen stand ich ständig plötzlich vor einem Sperrschild. Vielleicht fühlt sich das gerade auch besonders geballt an. Aber ich kann mich nicht erinnern, jemals so oft auf dem Weg irgendwohin umgekehrt zu sein.
Man fährt los, hat die bekannte Baustelle eingeplant und vorsichtshalber etwas Zeit dazugegeben. Man ist ja lernfähig. Dann biegt man auf die vermeintlich schlaue Alternative ab – und steht wieder vor einer Absperrung. Spätestens da würde ich gern jemanden aus der Planung auf den Beifahrersitz setzen.
Ist die Strecke verständlich ausgeschildert? Erfährt man rechtzeitig, dass es nicht weitergeht? Kommt man über die Ausweichroute tatsächlich ans Ziel? Und hat jemand geprüft, ob dort inzwischen ebenfalls gebaut wird? Das sind Fragen, die sich hinter einem Lenkrad ziemlich schnell stellen.
Wenn aus jedem Termin eine kleine Expedition wird
Eine einzelne Baustelle lässt sich meistens einplanen. Auch einen größeren Umweg nimmt man hin. Schwierig wird es, wenn mehrere Sperrungen zusammenkommen und dieser Zustand über längere Zeit den Alltag bestimmt.
Dann geht es irgendwann um mehr als ein genervtes „Na toll“ beim Abbiegen. Menschen müssen zur Arbeit, zu Arztterminen, ihre Kinder abholen oder Angehörige versorgen. Handwerker und Lieferdienste müssen Kunden erreichen. Für sie alle wird aus zusätzlichen Kilometern zusätzliche Zeit. Jeden Tag wieder.
Und die Anwohner der Umleitungsstrecken haben vermutlich ebenfalls andere Wünsche, als auf unbestimmte Zeit die Hauptverkehrsader der halben Umgebung vor der Haustür zu haben. Verständnis ist vorhanden. Aber es hat eben auch keine unbegrenzte Tankfüllung.
Ein bisschen mehr Überblick wäre schon eine Hilfe
Ich erwarte keine Straßen, die sich nachts geräuschlos selbst reparieren und morgens frisch asphaltiert zum Frühstück erscheinen. Obwohl ich das Konzept ausdrücklich unterstützen würde. Straßenbau braucht Planung. Der Weg um den Straßenbau herum braucht sie auch. Bis dahin fahre ich weiter meine unfreiwilligen Entdeckungstouren. Deutschland hat schließlich viele schöne Ecken. Ich würde nur gern wieder selbst entscheiden, wann ich sie besichtige.
Seit zwei Jahrzehnten journalistisch unterwegs – mit offenen Ohren, kritischem Blick und Freude an Sprache. Im Vogtland verwurzelt, weit darüber hinaus neugierig. Ihr Fokus liegt auf Kunst und Kultur sowie den Menschen dahinter. Unvoreingenommen im Gespräch, differenziert im Urteil, mit Gespür für Zwischentöne und der Freude daran, andere für Neues zu begeistern.
Die Umleitung hat jetzt eine Umleitung: Ich wollte nur mal kurz wohin

