WM KolumneBallflachstreicher | 27 Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Der Dritte macht drei.

Die FIFA hatte es als „Duell der Giganten” angekündigt: Kylian Mbappé gegen Erling Haaland, vier Tore gegen vier Tore, der Plakatkleber des Weltfußballs hatte ganze Arbeit geleistet. Dann zog Norwegens Trainer Ståle Solbakken einen dicken Strich durch die Werbekampagne und Haaland kurzerhand auf die Bank. Gleich zehn Positionen veränderte er, auch Kapitän Martin Ødegaard durfte zuschauen – Norwegen war ohnehin weiter und sparte seine Stars fürs Achtelfinale.

So bekam das Publikum nicht das angekündigte Gipfeltreffen, sondern einen, der gar nicht auf dem Plakat stand: Ousmane Dembélé. Die französische Nummer sieben traf in der 7., der 20. und der 32. Minute und schnürte damit den zweitschnellsten Hattrick der WM-Geschichte – schneller war einzig ein gewisser Erich Probst, und das ist auch schon eine Weile her. Am Ende hieß es 4:1 für Frankreich, das mit jedem Spiel bedrohlicher aussieht. In der Schlussphase forderten die Zuschauer lautstark die Einwechslung Haalands; sie blieb aus. Manchmal ist das Beste an einem groß angekündigten Duell eben die Mannschaft, die es einfach ignoriert.

Man kann darin, wenn man möchte, eine kleine Lehre über den modernen Fußball erkennen. Die Vermarktung verkauft uns Spiele längst wie Boxkämpfe: zwei Namen, zwei Gesichter, ein Plakat. Nur hält sich der Sport selten daran. Ein Trainer mit einem Plan schert sich keinen Deut um die FIFA-Grafikabteilung, und ein Spieler, den niemand im Werbespot hatte, macht aus dem versprochenen Königstreffen seine eigene Gala. Es ist beruhigend: Solange der Ball rollt, lässt sich Fußball nicht vollständig durchchoreografieren.

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Während Frankreich also Eindruck schindete, sortierte sich der Rest des Tages eher geräuschlos. Die USA verloren ihr letztes Gruppenspiel mit 2:3 gegen die bereits ausgeschiedene Türkei, bei der Kaan Ayhan mit dem buchstäblich letzten Tritt des Spiels traf – geschadet hat es den Amerikanern nicht, sie stehen als Gruppensieger trotzdem in der K.-o.-Runde. Australien rang Paraguay ein 0:0 ab und zog als Zweiter ebenfalls weiter, während Paraguay zittern musste. Und die Niederlande machten beim 3:1 gegen Tunesien früh alles klar und beendeten ihre Gruppe souverän. Lauter Resultate, die niemandem den Schlaf rauben, aber die Setzliste fürs Sechzehntelfinale ausfüllen.

So neigt sich die Vorrunde dem Ende zu, und langsam schälen sich die Mannschaften heraus, vor denen man sich fürchten sollte. Frankreich gehört nach diesem Auftritt eindeutig dazu – und das Beunruhigende für die Konkurrenz ist nicht einmal das 4:1, sondern dass der gefährlichste Franzose an diesem Abend ausgerechnet jener war, mit dem im Vorfeld kaum jemand gerechnet hatte. Eine Mannschaft, die auch dann zaubert, wenn nicht ihr Topstar im Mittelpunkt steht, ist die unangenehmste Sorte Gegner.

Zum Schluss noch das

Apropos Erich Probst: Dass ausgerechnet dieser Name nach Dembélés Galavorstellung wieder durch die Statistiken geisterte, ist die schönste Fußnote des Tages. Der Österreicher erzielte bei der WM 1954 einen Hattrick, der bis heute als der schnellste der Turniergeschichte gilt – mehr als siebzig Jahre lang hat ihn niemand übertroffen, auch Dembélé nicht. Probst spielte einst für Rapid Wien und ist außerhalb von Fußball-Lexika praktisch vergessen. Nun durfte er, ganz ohne sein Zutun, noch einmal kurz im Rampenlicht stehen – als der Mann, den nicht einmal ein hundert Millionen teurer Weltstar von seinem Platz in den Rekordbüchern verdrängen konnte. Der Fußball vergisst eben nichts.

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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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