WM KolumneBallflachstreicher | 17 Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | …dann kam Mbappé

Eine Stunde lang durfte Senegal träumen. Frankreich ließ gegen den aberkannten Afrikameister den Ball laufen, ließ Chancen liegen und ließ einen mutigen Gegner glauben, hier sei tatsächlich etwas zu holen. Und dann tat Frankreich, was Frankreich eben tut, wenn es eng wird: Es überließ Kylian Mbappé die Bühne.

In New Jersey sah die Equipe lange verwundbar aus, Senegal hätte sogar führen müssen. Doch in der 66. Minute traf Mbappé, in der 82. legte Bradley Barcola nach, und ehe sich die Senegalesen versahen, war aus einem offenen Spiel ein 2:0 geworden. Mbappés zweiter Treffer in der Nachspielzeit zum 3:1 war dann fast nur noch Statistik – allerdings eine historische: Er zog damit an Lionel Messi in der ewigen WM-Torschützenliste vorbei und ist nun auch Frankreichs Rekordtorschütze. Senegals zwischenzeitlicher Anschlusstreffer durch Ibrahim Mbaye änderte nichts an der ewigen französischen Wahrheit, die dieser Abend wieder bestätigte: Man kann sie ärgern, man kann sie über weite Strecken beherrschen – aber irgendwann entscheidet die schiere individuelle Klasse, und davon hat keiner so viel wie sie.

Den anderen Großen erging es ähnlich wie zuletzt so vielen. Uruguay, immerhin von Marcelo Bielsa trainiert, kam gegen Saudi-Arabien nicht über ein 1:1 hinaus – und durfte sich für den einen Punkt ausgerechnet bei einem Patzer von Torhüter Al-Owais bedanken, den Maxi Araujo spät bestrafte. Nach der frühen saudischen Führung durch Abdulelah Al-Amri hatte es lange nach der nächsten Auftaktblamage ausgesehen.

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Words and Wonders

Für die unangenehmste Diskussion des Tages sorgte ein Spiel, das sportlich nicht die allergrößte Aufmerksamkeit hatte. Beim 2:2 zwischen Iran und Neuseeland bejubelte Irans Torschütze Mohammad Mohebi seinen Ausgleich mit einer Geste, die viele als Nachahmung eines Schusswaffen-Abfeuerns deuteten; er selbst erklärte sie hinterher als reinen Jubel und Gruß an die iranischen Fans. Bei einem Turnier, das ohnehin politisch aufgeladen ist, sollte auch ein weniger intelligenter Spieler zumindest klar sein in dem was er tut oder besser eben nicht. Sollte!

Und das deutsche Lager? Das genießt nach dem 7:1 gegen Curaçao eine selten gewordene Eintracht zwischen Mannschaft und Schlagzeile. Die internationale Presse überschlug sich beinahe: Vom „gnadenlosen viermaligen Weltmeister” war die Rede, von einer „brutalen Lektion” und einer „klaren Botschaft an die Rivalen”. Sechs verschiedene Torschützen, Gefahr aus allen Mannschaftsteilen – die Optimisten haben gerade leichtes Spiel.

Es gibt aber auch die nachdenklicheren Stimmen, und sie kommen aus einer bemerkenswerten Ecke. Die New York Times lobte zwar Nagelsmanns begnadete Spielmacher, warnte im selben Atemzug aber vor einer Abwehr, die das Team „verwundbar” mache – immerhin kassierte Deutschland selbst gegen Curaçao ein Tor. Es ist die alte deutsche Geschichte: vorne zaubern, hinten zittern. Solange der Gegner Curaçao heißt, fällt das kaum ins Gewicht. Gegen die Elfenbeinküste am Freitag, die sich gerade mit einem späten Sieg gegen Ecuador in Stellung gebracht hat, könnte es das durchaus.

So bleibt nach diesem Spieltag ein vertrautes Bild: Die Favoriten gewinnen, wenn überhaupt, selten schön, oft erst spät und manchmal gar nicht. Frankreich hat es über die individuelle Klasse gelöst, Deutschland zuletzt über die schiere Breite des Kaders. Und die Skeptiker? Die warten geduldig auf den Tag, an dem das eine wie das andere nicht mehr reicht. Bei einer Weltmeisterschaft kommt dieser Tag erfahrungsgemäß früher, als den Gesetzten lieb ist.

Zum Schluss noch das

Dass es der deutschen Mannschaft an Wohlbefinden nicht mangelt, dafür sorgt schon das Quartier. Die DFB-Stars residieren in einem Anwesen mit Ritterrüstungen, vergoldeten Wendeltreppen und Butler-Service, das den Österreicher Konrad Laimer zu der Bemerkung verleitete, er wisse gar nicht genau, ob er in North Carolina sei oder in Hogwarts. Standesgemäß benimmt sich das Team deshalb noch lange nicht: Eine Handvoll Profis, darunter Antonio Rüdiger und Deniz Undav, wurde am Abend in Badelatschen durch einen amerikanischen Supermarkt schlurfen gesehen, sichtlich fasziniert von den herrlich überdimensionierten Packungen, die es nur in den USA gibt. Vom Zauberschloss schnurstracks in die Tiefkühlabteilung – bodenständiger kann ein WM-Favorit kaum sein.

Nachrichten Vogtland
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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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