alle Fotos: Theater Plauen-Zwickau
Die Premiere am gestrigen Abend im Theater Plauen war kein gefälliger Ballettabend – sie war ein Statement. Ein Abend, der sich nicht damit begnügt, Klassiker zu reproduzieren, sondern sie radikal neu denkt. Choreograf Sergei Vanaev greift dabei bewusst nach Stoffen, die bereits in ihrer Entstehungszeit Skandale provozierten – und übersetzt sie in eine zeitgenössische, körperlich kompromisslose Bildsprache.
Carmen: Sinnlichkeit, Freiheit und der schmale Grat zur Provokation
Georges Bizets „Carmen“ gehört zu den meistgespielten Opern weltweit – doch die Fassung von Rodion Schtschedrin aus dem Jahr 1967 bringt eine ganz eigene Schärfe mit. Die Reduktion auf Streicher und 47 Schlaginstrumente verleiht der Musik eine fast rohe, pulsierende Direktheit. Rhythmus wird hier zur treibenden Kraft – ideal für den Tanz, aber auch gnadenlos entlarvend.
Vanaev scheint die ursprüngliche Skandalgeschichte bewusst weiterzudenken. Was einst am Moskauer Bolschoi-Theater als „zu anzüglich“ verboten wurde, erscheint hier in einer neuen Dimension: Die Kostüme – reduziert, körpernah, fast entblößend – lassen die Tänzerinnen und Tänzer im Scheinwerferlicht beinahe nackt wirken. Doch es ist keine Provokation um ihrer selbst willen. Vielmehr wird der Körper selbst zum erzählenden Medium.
Die Figur der Carmen erscheint nicht nur als Objekt der Begierde, sondern als Symbol radikaler Selbstbestimmung. Ihre Freiheit steht im brutalen Kontrast zur obsessiven Kontrolle durch Don José. Besonders eindringlich sind die Pas de deux: intensiv, schwebend zwischen klassischem Ballett und akrobatischer Grenzerfahrung. Hier entstehen jene Momente, die das Publikum spürbar in Atem halten.
Sacre du Printemps: Tanz als eruptive Naturgewalt
Mit Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ schlägt der Abend im zweiten Teil eine noch radikalere Richtung ein. Schon die Uraufführung in Paris 1913 ging als „Massacre du Printemps“ in die Geschichte ein – ein Skandal, der Musikgeschichte schrieb.

Vanaev greift diese archaische Energie auf und übersetzt sie in eine Choreografie, die kaum zwischen Musik und Körper unterscheidet. Die Tänzer sind nicht mehr Interpreten – sie werden selbst zum Rhythmus. Brutal, pulsierend, beinahe tranceartig entfaltet sich eine Urenergie, die das Publikum unmittelbar erfasst.
Die thematische Klammer – das Aufeinandertreffen gesellschaftlicher Werte – wird nicht narrativ erzählt, sondern physisch erfahrbar gemacht. Körper kollidieren, formen Gruppen, lösen sich wieder auf. Besonders die reduzierten Duos setzen emotionale Ankerpunkte: intensiv, verletzlich, existenziell.
Ein kompromissloser Tanzabend mit nachhaltiger Wirkung
Dieser Tanzabend ist keine leichte Kost – und genau darin liegt seine Stärke. Sergei Vanaev gelingt es, zwei ikonische Werke nicht nur neu zu interpretieren, sondern ihre ursprüngliche Sprengkraft wieder freizulegen. Zwischen sinnlicher Überzeichnung, körperlicher Radikalität und musikalischer Wucht entsteht ein Abend, der provoziert, fasziniert und nachhallt.
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Theater Plauen-Zwickau: Carmen vs. Printemps – ein Tanzabend zwischen Ekstase, Körperlichkeit und Urgewalt

