Ein feiner Wasserfall wird im Lichtstrahl sichtbar. Auf dem Bühnenboden sammelt sich Wasser, die Tänzerinnen und Tänzer gleiten durch die nasse Fläche, drehen sich, lassen ihre Körper über den Grund ziehen. Pirouetten lösen sich aus der vertrauten Vertikale und finden eine neue Achse: auf dem Boden, mitten im Wasser. Es sind Bilder, die haften bleiben. Sergei Vanaevs Tanzabend „Feuer und Wasser“ am Theater Plauen-Zwickau hatte am Samstagabend Premiere und entfaltet eine faszinierende Verbindung von Körper, Element und Raum.
Die zuerst im Gewandhaus Zwickau gezeigte Produktion fordert Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf einen Abend ohne durchgehende Handlung einzulassen. Zugleich öffnet sie einen unmittelbar sinnlichen Zugang. Man kann den Beziehungen zwischen den Szenen nachspüren, Motive suchen und Gegensätze deuten. Man darf sich aber auch von Musik, Bewegung und wechselnden Stimmungen tragen lassen. Gerade dieses Zusammenspiel von gedanklicher Offenheit und emotionaler Wirkung macht den Reiz der Aufführung aus.
Eine reduzierte Bühne gibt dem Tanz Raum
Im ersten Teil ist die Bühne sparsam eingerichtet. Eine Leinwand und das Licht bestimmen den Raum; der Blick gehört den Tänzerinnen und Tänzern. Das von Johannes Bluth verantwortete Bühnenbild schafft damit eine klare Voraussetzung für Vanaevs Choreografie: Jede Bewegung erhält Gewicht, jeder Körper wird zum Träger des Geschehens. Diese Reduktion verlangt dem Tanz einiges ab. Wo wenig Ausstattung den Blick bindet, müssen Bewegung und körperlicher Ausdruck den Abend tragen. Hier entsteht daraus eine besondere Konzentration.
Vanaev selbst bezeichnet den Kern seines Stückes als eine Suche nach Schönheit. Sie ist dabei etwas Bewegliches, das sich dem endgültigen Zugriff entzieht. Sobald Menschen auf der Bühne zusammenkommen, entstehen Beziehungen und damit mögliche Geschichten: aus Nähe, aus Abstand, aus den Konstellationen der Körper.

Barocke Musik trifft auf zeitgenössische Bewegung
Musikalisch wird der Abend vor allem von Georg Friedrich Händel getragen. Auszüge aus der „Wassermusik“ und der „Feuerwerksmusik“ begegnen Arien, darunter „Lascia ch’io pianga“ aus „Rinaldo“. Hinzu kommen Johann Sebastian Bach, Antonio Vivaldi, Henry Purcell und John Corigliano.
Die im Programm ausgewiesene Folge umfasst 26 Nummern. Vor der Pause führen Händels unterschiedliche musikalische Ausdruckswelten schließlich zu Bach und Coriglianos fünfter Variation aus „The Red Violin Caprices“. Der zweite Teil beginnt mit Vivaldis Triosonate „La follia“ und endet mit Purcells „When I am laid in earth“ aus „Dido and Aeneas“. Schon diese Zusammenstellung spannt einen weiten Bogen zwischen Festlichkeit, innerer Unruhe und Klage.

Vanaev begegnet der Musik mit einer zeitgenössischen Bewegungssprache. Er beschreibt, wie die Eleganz des Barock darin verwandelt wird und mitunter auch etwas Skurriles annimmt. Das historische Klangmaterial bietet ihm einen Ausgangspunkt für heutige Körper und heutige Empfindungen.
Soli, Duette, Trios und Gruppenszenen bilden die Struktur des Abends. Sie stehen als einzelne Episoden im Raum und sind zugleich aufeinander bezogen. Wiederkehrende Motive und veränderte Konstellationen laden dazu ein, Verbindungen wahrzunehmen. So entsteht eine Dramaturgie, deren Zusammenhang sich auch über das Empfinden erschließt.
Pirouetten im Wasser: Die Bühne wird zur Gleitfläche
Eine eigene Qualität erreicht die Aufführung dort, wo das Wasser tatsächlich auf die Bühne kommt. Selten erlebt man einen Theaterraum, dessen Boden beinahe geflutet wird. Der feine Wasserfall im Lichtstrahl besitzt zunächst etwas Zartes: Licht macht das fallende Element sichtbar, gibt ihm Kontur und einen flüchtigen Glanz.
Auf dem Boden verändert das Wasser dann die Möglichkeiten der Bewegung. Die Tänzerinnen und Tänzer gleiten über die Fläche, beziehen das Rutschen und Drehen in die Choreografie ein. Der Tanz gewinnt eine horizontale Dimension. Pirouetten, die man als aufgerichtete Drehfiguren kennt, werden am Boden im Wasser neu erfahrbar.

Das ist spektakulär und zugleich choreografisch reizvoll. Das Element greift unmittelbar in das Verhältnis zwischen Körper und Untergrund ein. Der Boden, sonst Voraussetzung für Stand und Halt, ermöglicht nun das Gleiten. Daraus entstehen ungewöhnliche Bewegungsbilder, deren Faszination aus der sichtbaren Begegnung von menschlicher Bewegung und fließender Materie erwächst.
Feuer und Wasser stehen in der Choreografie für unterschiedliche innere Zustände. Der Ballettdirektor verbindet das Feuer mit emotionalem Aufbegehren, das Wasser mit Fließen und Ruhe, aber auch mit der Vorstellung eines Endes. Eine gewisse inhaltliche Auseinandersetzung tut der Aufführung gut. Wer sich mit ihrem Aufbau und ihren Motiven beschäftigt, entdeckt zusätzliche Zusammenhänge. Während des Zuschauens kann dieses Nachdenken jedoch auch zurücktreten. Die Umsetzung erlaubt es, sich von Emotionen und Eindrücken treiben zu lassen. Darin liegt eine Stärke der Aufführung. Der Abend lässt seine Bilder wirken. Man muss ihre Bedeutung nicht in jedem Moment festhalten, um von ihnen berührt zu werden.

Weitere Vorstellungen von „Feuer und Wasser“
Im Gewandhaus Zwickau stehen noch einige Aufführungen im Spielplan, bevor der Tanzabend in Plauen auf die Bühne gebracht wird. Die Vorstellung am 3. Februar ist die letzte Aufführung in Zwickau. Im Vogtlandtheater ist am 6. März 2027 um 19.30 Uhr Premiere. Karten und weitere Informationen gibt es auf der Website des Theaters Plauen-Zwickau.
Seit zwei Jahrzehnten journalistisch unterwegs – mit offenen Ohren, kritischem Blick und Freude an Sprache. Im Vogtland verwurzelt, weit darüber hinaus neugierig. Ihr Fokus liegt auf Kunst und Kultur sowie den Menschen dahinter. Unvoreingenommen im Gespräch, differenziert im Urteil, mit Gespür für Zwischentöne und der Freude daran, andere für Neues zu begeistern.
“Feuer und Wasser” am Theater Plauen-Zwickau: Wenn Bewegung Wellen schlägt

