Nachrichten VogtlandKünstlerin Heike Stephan zeigt Ausstellung „Erlebt – gelebt“ im Malzhaus Plauen

alle Fotos: Stephanie Rössel
Zwischen lichtdurchlässigem Fahnenstoff, auf denen das Gesicht ihrer Großmutter erscheint, steht Heike Stephan. Die Stoffe bewegen sich sanft, fast wie Erinnerungen, die durch den Raum ziehen. Gemeinsam mit Sabine Schemmrich und Steffi Müller-Klug überlegt sie, wie sich die Bahnen am besten im oberen Geschoss der Malzhaus Galerie entfalten können. Es wird geschoben, gehängt, betrachtet, wieder verändert.

Heike Stephan vertraut dem Handwerk, dem Blick, den Händen – und dem Bauchgefühl. Ihre Arbeiten entstehen aus Spontanität und aus geschauten Zusammenhängen, aus Risiko und dem Widerstand des Materials. Sie häkelt und malt, fotografiert und formt. In ihren Arbeiten verbindet sich Intuition mit Erfahrung, Experiment mit Erinnerung.

Wer ihrem Werk begegnet, merkt schnell, dass hier eine Künstlerin arbeitet, die sich nie auf ein Medium festlegen ließ. Über Jahrzehnte hinweg ist eine beeindruckende Vielfalt entstanden: Fotografien, Grafiken, textile Arbeiten, Plastiken und Performancedokumentationen. Für viele, die ihr Werk zum ersten Mal sehen, wirkt diese Bandbreite erstaunlich – als könne kaum eine einzige Person all diese unterschiedlichen künstlerischen Sprachen sprechen. Und doch tragen sie alle unverkennbar ihre Handschrift.

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Heike Stephan mit einer gehäkelten Figur
Ausstellung zeigt verschiedene Schaffensphasen

Diese künstlerische Welt wird nun in Plauen sichtbar. Unter dem Titel „erlebt – gelebt“ widmet sich die Ausstellung dem vielschichtigen Werk der Thüringerin – einer prägenden und zugleich unbequem eigenständigen Stimme der Kunst seit den 1980er Jahren.

Gezeigt werden Arbeiten aus verschiedenen Schaffensphasen, in denen sich persönliche Erfahrungen, gesellschaftliche Fragen und künstlerische Freiheit miteinander verweben. Erinnerungen an Familiengeschichte stehen neben politischen Momenten, textile Experimente neben fotografischen Inszenierungen. Vieles davon ist unmittelbar aus dem Leben heraus entstanden – eben erlebt und gelebt.

Heike Stephan wurde 1953 in Blankenhain geboren. Von 1975 bis 1979 studierte sie Kunstgeschichte und Germanistik in Erfurt und entwickelte sich anschließend weitgehend autodidaktisch zur bildenden Künstlerin. 1982 wurde sie in den Verband Bildender Künstler der DDR aufgenommen. Ein Jahr später zog sie nach Ost-Berlin, wo sie Teil der alternativen Kunstszene wurde, die sich jenseits offizieller Strukturen bewegte und nach neuen Ausdrucksformen suchte.

Initiierung der East Side Gallery in Berlin

Ein historischer Moment ihres künstlerischen Weges ereignete sich am 17. November 1989. Nur wenige Tage nach dem Fall der Berliner Mauer beteiligte sie sich an einer der ersten Malaktionen auf der Ostseite der Mauer am Potsdamer Platz. Internationale Medien berichteten darüber. Die Bilder wurden zwar am nächsten Tag von DDR-Grenzsoldaten überstrichen – doch der Impuls blieb. Gemeinsam mit dem Künstler David Monty entwickelte sie die Idee einer internationalen Kunstgalerie, aus der später die East Side Gallery hervorging.

Heute lebt und arbeitet sie im Saale-Orla-Kreis – in Löhma, unweit von Schleiz. Sie ist die Witwe des legendären Rockmusikers Klaus Renft, dessen Musik für viele Menschen im Osten ebenfalls Ausdruck von Widerstand, Freiheit und künstlerischer Unabhängigkeit war.

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Galeristin Steffi Müller-Klug
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Textile Kunst

Ausstellungseröffnung in Plauen und Workshop

Die Vernissage findet am Samstag, 7. März 2026, um 18 Uhr statt. Eine Einführung hält Sabine Schemmrich, die Heike Stephan seit vielen Jahren begleitet und mit feinem Gespür und unerschöpflichem Kunstwissen den Aufbau in dieser Woche unterstützt hat. Musikalische Untermalung gibt es von Matthias und Michael von Hintzenstern. Die Künstlerin selbst wird zur Eröffnung anwesend sein.

Während der Ausstellungszeit gibt es weitere Veranstaltungen: Am 18. und 19. April 2026 lädt Heike Stephan zu einem Workshop zur inszenierten Porträtfotografie ein – eine Selbstinszenierung mit Seide und Spiegeln. Anmeldungen sind möglich unter galerie@malzhaus.de. Den Abschluss bildet die Finissage am 2. Mai 2026 ab 17 Uhr mit Führung und Livemusik.

„Erlebt – gelebt“ ist mehr als eine Werkschau. Die Ausstellung erzählt von einem Leben, das Kunst nicht als Distanz zum Alltag begreift, sondern als Teil davon. Zwischen Stoff, Bild und Erinnerung entfaltet sich ein Werk, das von persönlicher Geschichte ebenso erzählt wie von gesellschaftlichen Umbrüchen – und von der Kraft, den eigenen Weg zu gehen.

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