Titelbild: nasa.gov
Die erste bemannte Mondreise seit mehr als fünfzig Jahren hatte unglaubliche Höhepunkte: Nach dem historischen Vorbeiflug am Mond und einem neuen Distanzrekord für Menschen im All steuert die Artemis-II-Crew jetzt auf die Rückkehr zur Erde zu.
Vier Tage später: Der Moment, in dem der Mond plötzlich vor dem Fenster steht
Vier Tage nach der entscheidenden Triebwerkszündung vom 2. April, die die Orion-Kapsel endgültig auf Mondkurs brachte, änderte sich für die Crew von Artemis II die Perspektive im wahrsten Sinne des Wortes. Aus einem hellen Punkt am Himmel wurde langsam eine graue Welt. Der Mond wuchs im Fenster der Raumkapsel – Stunde für Stunde.
Die Orion-Kapsel befand sich inzwischen weit außerhalb des schützenden Magnetfeldes der Erde. Sie bewegte sich durch den sogenannten cislunaren Raum, jenen Bereich zwischen Erde und Mond, den seit der Apollo-Ära kein Mensch mehr betreten hatte.
Am 6. April 2026 erreichte Orion schließlich den entscheidenden Punkt der Mission: den historischen Mondvorbeiflug.
Das Mondmanöver: Wie die Gravitation des Mondes das Raumschiff zurück nach Hause schleudert
Die Flugbahn von Artemis II folgt einem eleganten Prinzip der Himmelsmechanik: der freien Rückkehrtrajektorie. Man kann sich das vorstellen wie eine perfekt berechnete Schleuderbewegung im All. Die Orion-Kapsel nähert sich dem Mond auf einer weiten Kurve. Sobald sie in dessen Schwerefeld gerät, wird sie von der Mondgravitation angezogen. Statt in eine Umlaufbahn einzuschwenken, nutzt die Mission diese Anziehung gezielt: Der Mond wirkt dabei wie eine kosmische Kurve auf einer Rennstrecke.
Das Raumschiff schwingt um die Rückseite des Mondes herum und wird anschließend automatisch wieder in Richtung Erde gelenkt. Genau dieser Effekt bringt die Crew später wieder nach Hause – selbst dann, wenn kein weiteres Triebwerk zünden würde.
Während dieses Manövers kam Orion dem Mond auf mehrere tausend Kilometer nahe und flog über die erdrückende Stille der Mondrückseite, jene Landschaft aus Kratern und uralten Einschlagsbecken, die von der Erde aus nie sichtbar ist.
Alle Fotos co/nasa.gov
40 Minuten Funkstille hinter dem Mond
Ein besonders emotionaler Moment der Mission ereignete sich während des Vorbeiflugs auf der Mondrückseite.
Für etwa 40 Minuten verschwand Orion vollständig hinter dem Mond – und damit auch aus dem Funkkontakt mit der Erde. In der Missionszentrale in Houston verstummten in dieser Zeit die Bildschirme.Die Astronauten waren vollkommen allein. Als die Raumkapsel schließlich wieder hinter dem Mond hervorkam, meldete sich Pilot Victor Glover mit den Worten: „Wir sehen uns auf der anderen Seite.“ Es war der erste menschliche Funkspruch aus dem Raum hinter dem Mond seit über einem halben Jahrhundert.
Weltrekord im All: So weit war noch kein Mensch von der Erde entfernt
Während des Mondmanövers erreichte Orion eine Entfernung von rund 252.700 Meilen – etwa 406.000 Kilometer – von der Erde.
Damit stellte die Artemis-II-Crew einen neuen Rekord auf: Noch nie zuvor waren Menschen so weit von ihrem Heimatplaneten entfernt. Der bisherige Rekord stammte aus dem Jahr 1970 von der Apollo-13-Mission. Artemis II übertraf diese Distanz nun erstmals. Für die vier Astronauten bedeutete das einen einzigartigen Blick: Die Erde erschien nur noch als kleine blau-weiße Kugel im schwarzen Raum – ein Anblick, den bisher nur eine Handvoll Menschen erlebt hat.
Alle Fotos co/nasa.gov
Die spektakulären Bilder der Mondrückseite
Während des mehrstündigen Vorbeiflugs richteten die Astronauten Kameras und Sensoren auf die Oberfläche des Mondes.
Die Mission lieferte Dutzende hochauflösende Bilder – darunter Aufnahmen von:
- dem riesigen Orientale-Becken, einem der größten Einschlagkrater des Mondes
- den stark zerklüfteten Landschaften der Mondrückseite
- dem Südpolgebiet, das für zukünftige Mondbasen besonders interessant ist
Einige dieser Bilder zeigen sogar eine klassische Szene der Raumfahrtgeschichte: den „Earthrise“ – den Aufgang der Erde über dem Mondhorizont. Diese Aufnahmen gehören zu den ikonischsten Bildern der Raumfahrt.
Alle Fotos co/nasa.gov
Der Rückweg beginnt: Der Mond schleudert Orion wieder Richtung Erde
Nach dem Vorbeiflug begann automatisch der Rückweg. Sobald Orion das stärkste Gravitationsfeld des Mondes verlassen hatte, war die Richtung klar: zurück zur Erde.
Das Raumschiff bewegte sich jetzt auf einem langen Bogen durch den Weltraum – ähnlich einer Kugel, die nach dem Abprallen von einer Bande zurückrollt.
Während dieser Rückreise überprüfte die Crew erneut sämtliche Systeme der Kapsel:
- Navigation
- Lebenserhaltung
- Kommunikationssysteme
- Steuerung der Triebwerke
Mehrere kleine Kurskorrekturen wurden durchgeführt, um sicherzustellen, dass Orion genau den richtigen Eintrittswinkel für die Rückkehr in die Erdatmosphäre erreicht.
Freitagabend: Die dramatische Rückkehr durch die Erdatmosphäre
Der gefährlichste Teil der Mission steht nun unmittelbar bevor. Beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre wird die Orion-Kapsel eine Geschwindigkeit von etwa 40.000 km/h (ca. 25.000 mph) erreichen. Die Luft vor der Kapsel wird dabei so stark komprimiert, dass Temperaturen von mehreren tausend Grad entstehen.
Die Astronauten sitzen währenddessen hinter dem gewaltigen Hitzeschild der Kapsel – einer speziellen Schutzschicht, die sich kontrolliert ablöst und dabei die extreme Hitze absorbiert. Außen entsteht ein glühender Feuerball. Für einige Minuten bricht dabei erneut der Funkkontakt ab – diesmal wegen der Plasmawolke, die sich um die Kapsel bildet.
Landung im Pazifik: So läuft die Wasserung ab
Nach dem Wiedereintritt beginnt eine exakt geplante Sequenz von Fallschirmen. Die Orion-Kapsel besitzt insgesamt elf Fallschirme, die sich in mehreren Stufen öffnen:
- Zwei kleine Stabilisierungsfallschirme
- Drei Bremsschirme
- Drei Hauptfallschirme
Diese reduzieren die Geschwindigkeit der Kapsel schließlich auf rund 30 km/h.
Die Wasserung wird am Freitagabend im Pazifischen Ozean vor der Küste Kaliforniens erwartet, rund 100 Kilometer vor San Diego.
Bergung auf See: Wie die Astronauten zurück an Land kommen
Nach der Landung beginnt eine sorgfältig geplante Bergungsoperation der US-Navy. Taucher sichern zunächst die schwimmende Orion-Kapsel.
Danach geschieht Folgendes:
- Die Astronauten werden einzeln aus der Kapsel geholt
- Sie steigen in einen Rettungshubschrauber
- Der Hubschrauber bringt sie auf das Marineschiff USS John P. Murtha
Dort folgen medizinische Untersuchungen und erste Interviews. Die Orion-Kapsel selbst wird anschließend auf das Deck des Schiffes gehoben und zurück zum Hafen von San Diego gebracht.
Ein Testflug mit großer Bedeutung
Für die NASA gilt die Mission ARTEMIS II als entscheidender Schritt in der neuen Mondstrategie.
Zum ersten Mal seit 1972 haben wieder Menschen:
- den Mond aus nächster Nähe gesehen
- den tiefen Weltraum betreten
- und eine Reise außerhalb der Erdumlaufbahn unternommen.
Der Flug ist ein Generaltest für die kommenden Missionen.
In den nächsten Jahren sollen Astronauten nicht nur um den Mond fliegen – sondern wieder auf ihm landen. Und diesmal soll es keine kurze Expedition mehr sein. Die Vision der NASA lautet: eine dauerhafte menschliche Präsenz am Mond.
Und wieder steckt Thüringen in dieser Geschichte
Während die Orion-Kapsel jetzt mit fast kosmischer Geschwindigkeit zur Erde zurückkehrt, arbeiten tief im Inneren des Raumschiffs weiterhin zwei kleine Geräte aus Jena.
Die Sternensensoren von Jena-Optronik bestimmen auch jetzt noch die exakte Ausrichtung des Raumschiffs im All. Sie vergleichen Sternmuster im Himmel mit einer Datenbank von tausenden Sternpositionen und berechnen daraus millisekundengenau, wohin Orion zeigt.
Mit anderen Worten: Während vier Menschen gerade die weiteste Reise der Menschheitsgeschichte beendet haben, sorgt ein Stück Thüringer Hightech dafür, dass sie den Weg nach Hause finden.
Quellen:
NASA Artemis II Mission Overview | NASA Mission Timeline | ESA Artemis II | Reuters | The Guardian | Space.com | Live Science | Scientific American | NBC News | NASA Live Updates | Artemis II Wikipedia | NASA Artemis Mission Data
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
Einmalige Mondbilder und der Blick zur Erde: Artemis-II-Crew kehrt Freitag aus dem All zurück































