Wir wollten die Wildnis zurück. Jetzt ist sie da – und sie hält sich nicht an unsere Bedingungen. Der Wolf streift wieder durch deutsche Wälder, aber offenbar nur so lange, wie er sich an unser Drehbuch hält.
Mir wird ja immer wieder gesagt, ich stünde dem Thema Wolf sehr neutral gegenüber. Das stimmt vermutlich. Und trotzdem werde ich vermutlich mit diesem Kommentar polarisieren. Dabei möchte ich keinen Wolf durch meinen Garten streifen sehen – aber ich habe auch keine sonderliche Angst vor ihm. Was mich viel mehr erschreckt, ist einmal mehr die Manipulation durch Menschenhand.
Erst werden die Wölfe auf Biegen und Brechen wieder nach Deutschland geholt. Sie sollen sich vermehren, wieder Teil der Natur werden, Symbol für Renaturierung und ökologische Korrektheit sein. Dass aufgrund von Großstädten und urbanen Gebieten der Lebensraum vielleicht nicht ausreicht – hat niemand interessiert. Und dann – klick – kippt die Stimmung. Plötzlich will man sie wieder loswerden: jagen, töten, regulieren. Was soll das eigentlich?
Aktuell wird im Schwarzwald die Jagd auf einen Wolf eröffnet, der sich angeblich immer wieder Menschen genähert haben soll. Merkwürdig nur: Von Anwohnern wurde er nicht gesehen. Seit die Jagd läuft, zeigt er sich gar nicht mehr. Da stellt sich schon die Frage: Haben da zwei Spaziergänger von Millionen Menschen übertrieben – oder ist er der zweibeinigen Spezies schlicht überlegen?
Wenn dieser Wolf wirklich so aufdringlich war – warum existieren dann weniger als eine Handvoll Fotos von ihm? Wir leben in einer Zeit, in der ständig alles fotografiert und ins Netz gestellt wird. Bei den angeblich zahlreichen Wolfsbegegnungen jedoch, scheint ausgerechnet niemand ein Handy dabei zu haben. Entweder ist das alles eine moderne Mär – oder Isegrim riecht Smartphone-Abstinenz.
Und was, wenn GW2672m (so wird der Wolfsrüde amtlich bezeichnet) bis zum 10. März verschollen bleibt, danach aber wieder auftaucht? Und wie genau will das “Team der Schützen” ganz sicher erkennen, dass es das “richtige” Tier ist?
Amüsant fand ich auch eine Zeitungsüberschrift in Thüringen, wonach es nichts bringe, Mufflon-Herden mit dem Wolf „zu bejagen“. Ach was – seit wann haben wir Menschen denn auch das noch in der Hand? Ich warte ja schon auf den ersten, der versucht, Wölfe darauf zu konditionieren, nur bestimmtes Fleisch zu fressen. Und wie viele Wölfe müsste man beauftragen, um 1400 Mufflons in den Griff zu bekommen?
Noch spannender wird es bei jenen Stimmen, die fordern, einem hinkenden Wolf im Wald tierärztliche Hilfe zukommen zu lassen. Moment mal. Wir wollen diese wilden Raubtiere in unseren Wäldern, weil es cool klingt und irgendwie total öko wirkt – aber wir schaffen es nicht, die Natur einfach mal Natur sein zu lassen.
Stattdessen fangen wir Wolfswelpen ein, legen ihnen Sender um – natürlich alles für Forschung und Wissenschaft – und wundern uns später, dass sie keine Scheu vor Menschen haben. Warum auch? Sie haben als Winzlinge gelernt: Menschen bedeuten keine Gefahr.
Natürlich müssen immer alle Seiten betrachtet werden. Und ja – ich habe für viele Perspektiven Verständnis: für Weidetierhalter, für Naturschützer, für Anwohner. Nicht aber für diese konstante Neigung des Homo sapiens, sich überall massiv einzumischen, erst Probleme zu erzeugen – und sich anschließend über deren Existenz zu empören.
Vielleicht wäre es manchmal klüger, weniger zu steuern, weniger zu instrumentalisieren – und einfach anzuerkennen, dass zumindest die Wildnis nicht nach menschlicher Dramaturgie funktioniert.
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Der Wolf hätte vorher die Spielregeln lesen sollen – Wildnis auf Widerruf

