alle Fotos: privat
Das Vogtland hat eine neue Hoheit – und die wurde weder gewählt noch gekrönt, sondern gesprayt. Geschaffen hat sie die 26-jährige, in Plauen geborene Graffiti-Künstlerin Alexis Buchheim, auf Instagram als „elenoir.noir“ bekannt. Ihre Arbeit ziert eine Außenwand der SW-Schule für Kunst und Ästhetik in Plauen. Vogtländische Landschaften, Vogelbeeren, Noten und das Logo zu „30 Jahre Vogtlandkreis“ umgeben die Figur. Damit greift das Wandbild das Jubiläumsmotto „Gemeinsam eins seit 1996“ auf und verbindet Motive aus der Region mit zeitgenössischer Kunst.
Alexis hat in Österreich in der Gastronomie gearbeitet und ist inzwischen auch künstlerisch international aktiv. „Ich male inzwischen an vielen verschiedenen Orten, aber hier ist meine Heimat. Deshalb war es schon lange ein Wunsch von mir, auch in Plauen eine größere Arbeit umzusetzen.“
Im Interview erzählt sie, wie sie vom Zuschauen zum eigenen Sprayen kam, warum sie gerne in großen Dimensionen denkt und wie sie die Szene als Frau erlebt.
Wie bist du überhaupt zum Graffiti gekommen?
Ich war schon immer künstlerisch interessiert und fand Graffiti eine tolle Kunstform. Früher habe ich mich allerdings nicht getraut, selbst zu malen. Ich bin eher mit anderen mitgegangen und habe zugeschaut, gerade bei Graffiti-Jams. Aber ich wollte nicht nur die Zuschauerin sein, weil ich selbst eigentlich gut malen kann. Über Social Media habe ich dann jemand kennengelernt. Er hat mir ein paar Tipps gegeben und mich anderen Leuten vorgestellt. So konnte ich in den vergangenen Jahren gemeinsam mit anderen wachsen und malen. Dabei habe ich auch ganz tolle Freunde gefunden.
Wie würdest du deinen eigenen Stil beschreiben?
Ich glaube, ein eigener Stil entwickelt sich über Jahre. Bei mir sieht man auf jeden Fall, dass ich aus der klassischen Malerei komme. Ich arbeite viel mit Linien und Strukturen und male relativ lebendig, also nicht nur sehr flächig. Ich glaube aber auch, dass sich mein Stil in den nächsten Jahren noch weiterentwickeln wird.
Wie entsteht bei dir ein neues Motiv? Planst du es vorher oder entwickelt sich vieles spontan?
Wenn ich ein Motiv für mich selbst mache, entsteht vieles relativ spontan. Trotzdem skizziere ich vorher immer etwas – im Sketchbook oder auf dem iPad. Bei Aufträgen stimme ich das Motiv natürlich mit dem Auftraggeber ab. Es gibt meistens eine Vorlage, aber die ist nicht unbedingt bis ins letzte Detail fertig. Ich lasse das Bild gerne auch an der Wand entstehen und möchte mir diesen künstlerischen Spielraum erhalten, auch bei Auftragsarbeiten. Wenn jemand ganz konkrete Wünsche hat, setze ich sie natürlich entsprechend der Vorlage um.

Was fasziniert dich daran, auf großen Wänden statt auf Leinwänden zu malen?
Mich interessieren vor allem unterschiedliche Größen: Ich arbeite gerne sehr klein oder sehr groß. Früher habe ich schon in ganz kleinen Büchern gezeichnet. Diese Extreme machen mir einfach Spaß. Ich bin auch sonst ein Mensch, der zwischen Extremen hin- und herschwankt. Beim Malen gilt für mich jedenfalls: Größer geht immer!
Wenn du eine einzige Wand auf der Welt gestalten dürftest, welche wäre es?
Ich hoffe, dass es nicht dazu kommt, dass ich nur noch eine einzige Wand gestalten darf! Aber wenn, dann müsste sie riesig sein, damit ich für immer weitermalen kann.
Hast du das Gefühl, dass du als Frau in der Szene anders wahrgenommen wirst?
Ich habe schon das Gefühl, dass es als Frau schwieriger sein kann, weil es noch nicht so viele Malerinnen gibt. Gerade wenn man klassische Schönheitsideale erfüllt, wird man vielleicht weniger als Künstlerin ernst genommen und stärker auf sein Äußeres reduziert. Das gilt natürlich nicht für jeden Menschen. Andererseits ergeben sich auch Chancen, weil man mehr heraussticht. Ich würde sagen, dass Frauen es am Anfang manchmal schwerer haben, ernst genommen zu werden. Wenn man Graffiti oder Kunst aber wirklich ernst nimmt und zeigt, dass man das machen möchte, kann sich dieser erste Eindruck auch schnell ändern.
Welche Vorurteile über Graffiti würdest du gerne verändern?
Graffiti gehört zu unserer Zeit. So wie sich früher die klassische Malerei mit Ölfarben etabliert hat, ist es heute eine zeitgemäße Kunstform. Sie verdient mehr Raum und Verständnis. Das Besondere ist auch, dass sie für alle zugänglich ist. Es ist kein Gemälde, für das man in ein Museum gehen muss. Jeder kann es anschauen, und jeder kann selbst anfangen zu malen. Außerdem sind das nicht einfach nur irgendwelche Leute, die Hauserwände beschmieren. Die Menschen, die ich kenne und mit denen ich male, würden niemals einfach fremde Einfamilienhäuser beschädigen. Diesen Unterschied sollte man erkennen. Auch innerhalb der Szene gibt es Regeln. Und nicht nur Figuren oder Charaktere sind Kunst. Auch Schriftzüge und Namen können unglaublich künstlerisch gestaltet sein. Es gibt genug Beispiele dafür, wie schön Buchstaben aussehen können. Ich beschäftige mich selbst schon länger damit, fühle mich aber noch nicht gut genug, sie künstlerisch in meine Werke einzubauen. Vor den Menschen, die das beherrschen, ziehe ich meinen Hut. Vielleicht sollte man sich einmal bewusst machen, wie viel Verständnis für Buchstaben nötig ist, um sie so gestalten zu können. Graffiti ist eben nicht nur Sachbeschädigung, sondern auch Kunst.
Kontakt: elenoir.noir oder oder lexybuchheim@web.de
Nachgefragt bei Alexis Buchheim
| Lieblingsessen: Mexikanisch, Mole Wraps |
| Lieblingsmusik: HipHop, Techno und klassische Musik |
| Lieblingswort: cardiovascular |
| Lieblingsort: Mein Lieblingsort ist definitiv auf dem Berg beim Snowboarden oder am Strand beim Surfen. Wenn man dann noch einen einsamen Strand für sich hat, ist das großartig. |
| Lieblingsmoment: Das sind auch meine Lieblingsmomente: wenn ich draußen in der Natur Sport machen und mich bewegen kann. |

Seit zwei Jahrzehnten journalistisch unterwegs – mit offenen Ohren, kritischem Blick und Freude an Sprache. Im Vogtland verwurzelt, weit darüber hinaus neugierig. Ihr Fokus liegt auf Kunst und Kultur sowie den Menschen dahinter. Unvoreingenommen im Gespräch, differenziert im Urteil, mit Gespür für Zwischentöne und der Freude daran, andere für Neues zu begeistern.
Alexis Buchheim: Kunst aus der Dose – über Grafitti, Freiheit und Vorurteile

