Die MotoGP ist auf dem besten Weg, sich neu zu erfinden. Weniger Rennserie, mehr Event-Produkt. Weniger Patina, mehr PowerPoint. Wo früher Tradition, Streckencharakter und fahrerische Herausforderung zählten, rücken heute Marktpotenziale, Hospitality-Quadratmeter und Instagram-Tauglichkeit in den Vordergrund. Das ist nicht per se falsch – Motorsport war nie ein Wohltätigkeitsverein. Aber es verschiebt die Maßstäbe. Stadtkurse gelten plötzlich als sexy, obwohl sie für Motorräder sicherheitstechnisch ein Albtraum bleiben. Gleichzeitig müssen Traditionsstrecken immer häufiger erklären, warum sie überhaupt noch da sind. Geschichte allein reicht nicht mehr, sie muss sich rechnen.
Dass diese Entwicklung konfliktbeladen ist, zeigt sich nicht nur in den Chefetagen, sondern auch an der Basis. Jüngstes Beispiel: Schleiz. Erst das IDM-Aus, dann die Absage der IRRC. Für Fans ein Schock, für manche ein schmerzhafter Realitätscheck. Eine Strecke, die Motorsport nicht simuliert, sondern lebt, fällt aus dem Kalender – nicht weil sie langweilig wäre, sondern weil neue Regeln dem entgegen stehen. Währenddessen diskutiert die große weite Welt über Rennen in Metropolen, in denen man für jede Auslaufzone erst einmal einen Wolkenkratzer versetzen müsste.
Vor diesem Hintergrund wirkt der Satz eines Rennfahrers fast schon logisch: Vielleicht sollte sich Schleiz für die MotoGP als „Stadtkurs“ bewerben. Satire? Natürlich. Aber auch ein treffender Kommentar zur Lage. Wenn Mauern, Marketing und Metropolen künftig wichtiger sind als Mut, Rhythmus und Renngeschichte, dann ist der Gedanke gar nicht mehr so absurd. Vielleicht braucht Schleiz einfach ein paar Hochhäuser, einen Hafen und einen schicken Namen auf Englisch. Motorsport kann man schließlich überall verkaufen – die Frage ist nur, ob man ihn dort noch fahren lässt.
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Stadtkurs, Sicherheit und Identitätsverlust: Die neue MotoGP – und das Schleizer Dreieck



