Was geschieht mit Geschichte, wenn sie über Generationen hinweg verschwiegen wird? Genau dieser Frage widmet sich das Buch „Mit der Gestapo am Kaffeetisch – Nazis als Erbe: Spurensuche eines Kriegsenkels zwischen Verdrängung und Wahrheit“ von Vasco Kintzel. Das Werk verbindet persönliche Recherche mit gesellschaftlicher Analyse und nimmt die NS-Vergangenheit deutscher Familien in den Blick. Der Autor begibt sich dabei auf eine intensive Spurensuche in der eigenen Herkunft – und stößt auf Leerstellen, widersprüchliche Erinnerungen und jahrzehntelanges Schweigen.
Der Ausgangspunkt des Buches ist ein Satz, der in vielen Familien im Zusammenhang mit der NS-Vergangenheit zu hören war: „Wir haben davon nichts gewusst.“ Doch kann diese Aussage wirklich stimmen? Diese Frage treibt Vasco Kintzel an. In seinem Buch verfolgt er die Biografie seines Großvaters und untersucht dessen Rolle im historischen Kontext. Dafür arbeitet er mit Archivalien, historischen Dokumenten und Erinnerungen aus der eigenen Familie.
Der Autor rekonstruiert Lebensläufe, analysiert Schriftstücke und liest aufmerksam zwischen den Zeilen überlieferter Quellen. Auf diese Weise entsteht ein Bild davon, wie nationalsozialistische Verstrickungen in vielen Familien bis heute nachwirken können. Dabei beschränkt sich das Buch nicht auf eine rückblickende Analyse. Vielmehr versteht sich die Recherche auch als kritische Betrachtung der Gegenwart – eine Auseinandersetzung mit Verdrängung, Mitläufertum und persönlicher Verantwortung.
Kriegsenkel und Erinnerungskultur: Warum Familiengeschichten politisch sind
Das Buch ordnet sich in den Diskurs über die Generation der Kriegsenkel ein. Viele Angehörige dieser Generation beginnen erst Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, die Vergangenheit ihrer Familien genauer zu untersuchen.
Die Recherche macht deutlich, dass historische Verantwortung nicht allein in Archiven liegt, sondern auch im familiären Gedächtnis. Wenn über Generationen hinweg geschwiegen wird, bleiben entscheidende Teile der Vergangenheit im Dunkeln. Das Buch versteht sich daher als Einladung, die eigene Herkunft kritisch zu hinterfragen.
Zwischen Essay, Recherche und literarischer Montage
Formal bewegt sich „Mit der Gestapo am Kaffeetisch“ zwischen dokumentarischer Untersuchung, essayistischen Reflexionen und literarischer Gestaltung. Historische Quellen werden mit erzählerischen Elementen kombiniert. Ergänzend enthält das Buch Fotografien, Karten sowie weiteres Material aus Archiven und Dokumentensammlungen.
Vasco Kintzel wurde 1973 in Karlsruhe geboren. Über viele Jahre arbeitete er als freier Grafiker. Seit dem Jahr 2000 lebt er im Raum München. Sein kreatives Schaffen bewegt sich an der Schnittstelle von bildender Kunst, Grafik und Schreiben. Zu seinen früheren Veröffentlichungen zählen Sach- und Übungsbücher, die sich mit Buchbinderei sowie mit dem Erlernen deutscher Schreibschriften beschäftigen. Das Buch veröffentlicht der Umland Verlag.
- Erscheinung: 1. Auflage 2026
- Umfang: ca. 300 Seiten
- Mit Nachwort von: Sebastian Schoepp
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Mit der Gestapo am Kaffeetisch: Vasco Kintzel geht der verdrängten NS-Vergangenheit seiner Familie nach

