Delegation Zwickau TaiwanZwickauer Land: Einmal Taiwan und zurück – was Pressemitteilungen sagen, ohne es zu sagen

Pressemitteilungen sind faszinierende Texte. Sie sind wie ein sauber gedeckter Tisch: Man sieht sofort, was serviert werden soll. Und mit etwas Übung merkt man genauso schnell, was bewusst nicht auf dem Teller liegt.

Die aktuelle Pressemitteilung zur laufenden Taiwan-Reise mit Teilnehmern aus der Region Zwickau ist so ein Fall. Sie liest sich entschlossen, international, zukunftsgewandt. Eine hochrangige Delegation, zu der auch der Zwickauer Landrat gehört, ist unterwegs nach Taiwan. Es geht um Kontakte, Perspektiven, Vernetzung, Strukturwandel. Alles große Worte. Alles richtig. Alles wichtig. Und doch bleibt nach der Lektüre ein leiser Zweifel, der sich hartnäckig hält wie ein Kaugummi unter dem Schuh.

Nicht, weil man gegen internationale Gespräche wäre. Im Gegenteil. Wer heute glaubt, regionale Wirtschaft lasse sich ohne internationale Kontakte denken, glaubt vermutlich auch noch an Telefonzellen. Aber gerade weil solche Reisen sinnvoll sein können, lohnt sich ein genauer Blick auf das, was darüber gesagt wird – und auf das, was auffällig ungesagt bleibt.

Werbung

Die Kunst der Andeutung

In der Pressemitteilung taucht ein Wort auf, das sofort Zukunft signalisiert: Mikroelektronik. Ein starkes Wort. Es glänzt. Es riecht nach Hightech und Weltmarkt. Nur: Es wird nicht erklärt, was genau damit gemeint ist. Niemand wird ernsthaft annehmen, dass in Südwestsachsen morgen Chipfabriken aus dem Boden wachsen. Also muss es um etwas anderes gehen. Um Partnerschaften, Netzwerke, Zusammenarbeit, vielleicht um Zulieferrollen oder Know-how-Transfer.

Das alles wäre völlig legitim. Es wäre sogar klug. Aber genau hier beginnt das Schweigen. Welche Rolle soll die Region spielen? Was davon soll hier ankommen? Und in welcher Form? Die Pressemitteilung deutet an, winkt freundlich – und geht dann weiter zum nächsten großen Begriff. Das ist kommunikativ elegant. Inhaltlich bleibt es bewusst vage. Wer will sich schon das Reisen verderben lassen, in dem er klare Ziele einpackt.

Erfolg ohne Maßband

Charmant offen bleibt also die Frage nach dem Erfolg. Gespräche finden statt, Kontakte werden geknüpft. Schön. Aber wann ist diese Reise eigentlich gelungen? Woran soll man das erkennen? An Projekten? An Investitionen? An Kooperationen? An Ausbildungsplätzen?

Ohne vorher festgelegte Maßstäbe ist jede Bilanz später eine Geschmacksfrage. Dann reicht schon ein Gruppenfoto mit Namensschild, um von einem „wichtigen Schritt“ zu sprechen. Das mag kommunikativ funktionieren, ersetzt aber keine ernsthafte Bewertung.

Nachrichten Vogtland
Unterm Strich: Welcher Elefant steht da eigentlich im Raum – und was genau ist denn im Köfferlein?
Der Elefant im Raum trägt einen Koffer

Noch auffälliger ist ein anderes Detail: Die Reise läuft. Menschen sind unterwegs. Flugzeuge fliegen nicht mit guter Laune, sondern mit Kerosin. Hotels werden nicht mit Dankbarkeit bezahlt, sondern mit Geld. Organisation, Begleitung, Arbeitszeit – all das kostet. Öffentliche Mittel.

Und doch findet sich dazu kein Wort. Keine Zahl. Keine Größenordnung. Keine Aussage darüber, wer zahlt und wofür. Das ist bemerkenswert laut nicht gesagt.

Regionalpolitik beginnt nicht am Flughafen

Das alles heißt nicht, dass diese Reise falsch ist. Aber es heißt, dass sie kein Ersatz für regionale Arbeit sein kann. Strukturwandel entscheidet sich nicht auf Delegationsempfängen, sondern in Genehmigungsstellen, Berufsschulen, Betrieben und Kommunalverwaltungen. Dort, wo Flächen ausgewiesen, Qualifizierungen organisiert und Investitionen tatsächlich möglich gemacht werden.

Internationale Kontakte können dabei helfen. Sie können Türen öffnen. Aber durchgehen muss man selbst. Und dafür braucht es mehr als wohlklingende Begriffe und gute Absichten.

Was die Pressemitteilung wirklich misst

Am Ende ist diese Pressemitteilung ein gutes Barometer. Sie zeigt, was man gerne erzählen möchte: Aktivität, Weitblick, Internationalität. Und sie zeigt genauso deutlich, was man lieber offenlässt: Kosten, konkrete Ziele, messbare Ergebnisse.

Das ist keine Verschwörung. Das ist klassische politische Kommunikation. Aber genau deshalb darf man sie auch genau so lesen – freundlich, interessiert und mit kritischem Blick auf das offensichtlich Nichtgesagte.

In diesem Sinn: Gute Reise!

“…ääähhh….Leute? Wem hat der Kämmerer eigentlich die Kreditkarte gegeben?”


Nachrichten Vogtland
Website | + posts

Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

Werbung

Vogtland Shop