Warum die Mondmission begeistert, aber auch zum Nachdenken anregt

Der Mond übt seit jeher eine besondere Faszination aus – wissenschaftlich, psychologisch und kulturell. Seine Gravitation steuert Ebbe und Flut, stabilisiert das Klima und prägt biologische Rhythmen. Die sichtbaren Mondphasen haben Menschen seit Urzeiten als natürlicher Taktgeber begleitet. Gleichzeitig findet der Mond in Mythen und Geschichten einen festen Platz.

Mit der Mondlandung 1969 wurde er für Menschen greifbarer. Heute, über fünfzig Jahre später, rückt er erneut in den Fokus. Die NASA plant mit dem Artemis-Programm die Rückkehr ganz zeitnah – mit Beteiligung Europas. Artemis II soll wohl nicht später als April 2026 starten.

Vor wenigen Tagen fand die ESA-Ministerratskonferenz in Bremen statt: 23 Mitgliedsstaaten legten ein Rekordbudget von 22,1 Milliarden Euro für die kommenden drei Jahre fest. Deutschland trägt mit rund 5,4 Milliarden den größten Anteil. Gleichzeitig wurde bestätigt, dass bei der nächsten Mondmission ein deutscher Astronaut an Bord sein soll.

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Bis hierher klingt das alles nach Aufbruchsstimmung. Doch sobald man Interviews mit Astronauten, ESA-Vertretern oder Politikerinnen hört, beginnt es zu knirschen. Aussagen wie „Der Mond soll Wirtschaftsraum werden“, „Wir wollen dort eine Forschungsstation aufbauen“ oder „Wir könnten Gestein und Wasser transportieren“ wirken plötzlich forciert. Man spricht sogar darüber, ein Abwehrsystem für Asteroiden zu entwickeln. Und immer wieder fällt der Hinweis, dass Amerika bei Artemis auf Europa angewiesen sei.

Gleichzeitig fragt man sich: Wenn die Technik heute weiter ist als zu Apollo-Zeiten, warum fällt die Rückkehr dann schwerer? Die Antwort lautet sinngemäß, weil die Möglichkeiten größer sind, ist alles komplizierter geworden. Diese Argumentation wirkt merkwürdig selbstrechtfertigend.

Genau hier entsteht bei mir der Eindruck, man sucht Gründe, um die enormen Kosten vor der Öffentlichkeit zu legitimieren. Besonders irritiert mich der Gedanke, der Mond solle ein künftiger „Wirtschaftsraum“ sein. Klar geht es vordergründig um Forschung, aber solche Begriffe klingen natürlich anders. Sollen wir künftig Bauteile vom Mond beziehen – mit drei Tagen Lieferzeit? Oder Mondwasser zur Energiegewinnung importieren? Und wenn über Asteroideneinschläge gesprochen wird, wäre es hilfreich zu klären, wie realistisch diese Gefahr überhaupt ist und wie oft in der Erdgeschichte wirklich relevante Ereignisse vorkamen. Aber gut, die Raumfahrt denkt in Jahrzehnten.

All das lässt bei mir trotzdem das Gefühl entstehen, dass wir unseren Anspruch im All höher hängen als unsere Bereitschaft, die Probleme hier auf der Erde konsequent anzugehen. Während wir uns im Weltraum als unverzichtbarer Partner inszenieren, geraten grundlegende politische, soziale und wirtschaftliche Aufgaben im eigenen Land ins Stocken. Diese Diskrepanz zwischen kosmischem Anspruch und irdischer Realität wirkt zunehmend befremdlich.

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