Antonov VogtlandVon Leipzig in die Welt: Wie die Riesen von Antonov über das Vogtland ziehen

Titelbild: KI-generiert
Sie wirken wie Relikte aus einer anderen Zeit. Riesig, kantig, laut – Flugzeuge, bei denen es nie um Schönheit ging, sondern um das Tragen außergewöhnlicher Lasten. Wenn eine Antonov An-124 über das Vogtland hinwegzieht und in den Landeanflug auf Leipzig/Halle geht, erweckt das Aufmerksamkeit.

Bis Februar 2022 war Hostomel bei Kiew das Herz von Antonov Airlines. Dort, auf dem traditionsreichen Flugplatz nordwestlich der ukrainischen Hauptstadt, standen die größten Transportflugzeuge der Welt. Von hier aus starteten sie zu Einsätzen rund um den Globus: Kraftwerke, Generatoren, Lokomotiven, Militärtechnik, Hilfsgüter. Dann kam der Krieg. Hostomel wurde zum Gefechtsfeld, die Startbahn schwer beschädigt, Hangars zerstört. Die An-225, das größte Flugzeug, das je geflogen ist, wurde vernichtet. Für Antonov bedeutete das nicht nur einen symbolischen Verlust, sondern eine existentielle Zäsur.

Doch die Geschichte endete nicht in den Trümmern von Hostomel. Im Hintergrund begann eine logistische Rettungsaktion. Flugzeuge, die sich bereits außerhalb des Landes befanden, kehrten nicht zurück. Stattdessen wurde Leipzig/Halle zum neuen Ankerpunkt. Was zunächst als Notlösung begann, entwickelte sich schnell zu einer neuen operativen Realität. Mehrere An-124 wurden dort stationiert, Crews und Techniker folgten, Ersatzteile, Werkzeuge, Know-how.

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Leipzig war kein Zufall. Der Flughafen ist seit Jahren einer der wichtigsten Frachtknoten Europas, mit 24-Stunden-Betrieb, großzügigen Vorfeldern und Erfahrung im Umgang mit Schwerlast. Schon früher war Antonov hier regelmäßig präsent, unter anderem im Rahmen internationaler Transportprogramme. Jetzt wurde der Standort zur zweiten Heimat.

Heute starten und landen die ukrainischen Riesen regelmäßig in Sachsen. Sie fliegen Hilfsgüter, Industriefracht, militärische Ausrüstung für internationale Auftraggeber. Von außen wirken sie unverändert: grau, funktional, fast archaisch. Doch im Inneren hat sich vieles verändert. Maschinen wurden modernisiert, westliche Avionik nachgerüstet, Wartungskonzepte angepasst. Weil große Inspektionen in der Ukraine derzeit nicht möglich sind, baut Antonov in Leipzig eigene Infrastruktur auf. Ein riesiger Wartungshangar (24.000 Qadratmeter groß) entsteht – ein klares Signal, dass man nicht auf Stillstand setzt, sondern auf eine unternehmerische Zukunft in Deutschland.

Für viele Beobachter ist das mehr als eine wirtschaftliche Entscheidung. In ukrainischen Medien wird der Weiterbetrieb der Antonovs als Symbol gelesen: ein Beweis dafür, dass industrielle Kompetenz, technisches Erbe und staatliche Unternehmen auch in solchen Zeiten handlungsfähig bleiben können.

Grafik Antonov Jumbo
Grafik: Jürgen Dirrigl – Vogtlandstreicher: Volumen ist die große Stärke der AN-124

Die Flugzeuge sind alt. Manche stammen noch aus den 1980er-Jahren. Sie sind ineffizient im Vergleich zu modernen Frachtern, laut, durstig. Und doch gibt es bis heute nichts, was sie ersetzen könnte. Keine andere zivile Maschine kann ähnliche Volumen über solche Distanzen transportieren. In einer Welt, die immer schneller, digitaler und leichter wird, tragen sie Gewicht. Ganz buchstäblich.

Wenn man in Leipzig am Zaun steht und eine An-124 beim Rollen beobachtet, sieht man mehr als nur ein Flugzeug. Man sieht die Verlagerung einer ganzen Geschichte. Von Hostomel nach Schkeuditz. Von Verlust zu Beharrlichkeit. Diese Maschinen sind nicht nur fliegende Frachter. Sie sind fliegende Archive. Und solange sie starten, ist diese Geschichte nicht zu Ende erzählt.

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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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